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Ambivalenz des Begehrens -- "Endstation Sehnsucht" von John Neumeier in der Deutschen Oper am Rhein

Mai 2026

Geschrieben von Dagmar Kurtz

Das kann nicht gutgehen, wenn zwei extrem unterschiedliche Lebenswelten aufeinander prallen! Nach dem Verlust des vornehmen Elternhauses und ihrem Scheitern im Leben Fuß zu fassen, sucht die elitär erzogene Blanche Dubois Zuflucht bei ihrer in New Orleans lebenden Schwester Stella. Diese ist mit einem polnischen Einwanderer verheiratet und lebt nun im proletarischen Milieu. Konflikte sind da vorprogrammiert. Stellas Mann Stanley hält Blanche für blasiert, sie ihn für primitiv. Stanley wehrt sich gegen den Versuch Blanches, ihm Stella zu entfremden.

© Ingo Schaefer

John Neumeier hat Tennessee Williams preisgekröntes Theaterstück "Endstation Sehnsucht" aus dem Jahre 1947 für das Stuttgarter Ballett 1983 adaptiert und unter seiner Regie ist es jetzt in Düsseldorf mit dem Ballett am Rhein zu einer erneuten Aufführung gekommen. 

Wo Worte fehlen, benötigt es andere Mittel, Intentionen sichtbar zu machen. Um den Stoff greifbar zu machen, wählte Neumeier eine Untergliederung in zwei Ebenen. 

Im ersten Teil finden wir Blanche in einer psychiatrischen Anstalt. Neumeier erzählt vom Ende her. In rückblickenden Erinnerungsfetzen wird sichtbar wie ihr Schicksal vor dem Eintreffen in New Orleans verlaufen ist: Das gesellschaftliche Leben mit heiteren Bällen auf dem Familiensitz Belle Rêve, Stellas Verlassen der Familie, Blanches Hochzeit, die Entdeckung der homoerotischen Neigungen ihres Ehemanns, der Suizid Ihres Mannes, der Tod ihrer Angehörigen, schließlich der Verlust von Belle Rêve und ihre klägliche Suche nach Unterstützung und Nähe in wechselnden Männerbeziehungen zu einer Zeit als Frauen derartige Freizügigkeit nicht zugestanden wurde. Nun sitzt Blanche auf dem Anstaltsbett und ihre traumatischen Ereignisse spulen sich innerlich immer wieder vor ihr ab. 

John Neumeier wiederholt die besonders traumatische Szene, in der sich Blanches Ehemann Allan Gray mit einem dröhnenden Schuss das Leben nimmt, mehrfach, immer in einer kleinen Variante, so wie das Gedächtnis eben arbeitet. Äußerst subtil und zärtlich ausgedrückt, konnte zuvor die Annäherung von Allan Gray (Gustavo Carvalho) an seinen Freund (Dukin Seo) beobachtet werden, eine stille, verbotene Liebe und letztendlich doch entdeckt. Die "Vision fugitives" von Sergei Prokofjew sind nicht nur titelgebend die adäquate Begleitmusik zum ersten Teil. Der Musiktitel ist ebenso wie der Stücktitel "Streetcar named Desire" und der Name des Landgutes "Belle "Rêve" für sich sprechend. 

Im zweiten Teil befindet sich Blanche in ihren Erinnerungen in New Orleans. Ihre Sehnsucht, Schutz zu finden, wird nicht erfüllt. Die beengte Lebenswelt ihrer Schwester ist ihr völlig fremd. Ihr Schwager ist aggressiv, fühlt sich durch ihr Wesen provoziert, forscht ihr nach und verhindert so ein Zusammenkommen mit Blanches Verehrer Mitch. Schließlich vergewaltigt er sie brutal. Und da ihre Schwester das nicht glauben mag, wird Blanche in die Psychiatrie abgeschoben. Der zweite Teil ist nichts für zarte Gemüter. Brutalität und schwüle Hitze New Orleans kommen eindringlich und adäquat in der collagehaften Musik aus Alfred Schnittkes "Sinfonie Nr.1" zum Ausdruck, die auch den inneren Druck Blanches extrem nachfühlbar macht, ihre Einsamkeit, Verlorenheit, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Akrobatisch und aggressiv wird die Vergewaltigungsszene gezeigt. Diese Intensivität ist erträglich allein durch die choreographierte Anverwandlung, ein Pas de deux ganz anderer Art. 

Sophie Martin überzeugt in der Rolle der fragilen Träumerin, die an der Realität zerbricht. Ihr Widerpart Olgert Collaku als Stanley Kowalski besticht durch seinen Ausdruck aggressiv-männlichen Verhaltens. Clara Nougé-Cazenave als Stella nimmt das Leben leicht, verschließt die Augen vor der Realität aber ebenso wie Blanche. 

John Neumeiers Choreographie ist weder inhaltlich noch musikalisch leichte Kost und besticht auch nach über vierzig Jahren noch durch seine atemberaubende Intensivität, die das Publikum gebannt zuschauen lässt. Ein Können auf höchstem Niveau und zu recht am Ende enthusiastisch gefeiert!

Uraufführung am 3. Dezember 1983, Staatstheater Stuttgart, Stuttgarter Ballett

Choreographie: John Neumeier
Musik: Sergei Prokofjew, Alfred Schnittke
Bühne / Kostüme / Licht / Dramaturgie: John Neumeier
Dramaturgische Betreuung: Julia Schinke

Tänzerinnen und Tänzer
Blanche DuBois: Sophie Martin 
Shaw: Joan Ivars Ribes 
Ein Soldat: Skyler Maxey-Wert 
Kiefaber: Niklas Jendrics 

Stella, Blanches Schwester: Clara Nougé-Cazenave 
Allan Grey / Zeitungsjunge /Arzt: Gustavo Carvalho 
Allans Freund: Dukin Seo 
Brautjungfer: Stella Bryers 
Begleiter der Brautjungfer: Edvin Somai 
Hochzeitsgäste: Lauren Alving; Milivoje Andrejević; Svetlana Bednenko; Márcio Mota; Norma Magelhães; Kauan Soares; Rose Nougé-Cazenave; Vinícius Vieira 
Großmutter / Pflegerin: Virginia Segarra Vidal
Großvater: Ordep Rodriguez Chacon 
Tante Jessie: Martin Labrèze 
Margarete: Daniela Matys
Der General: Ulrich Kupas 
Stanley Kowalski: Olgert Collaku 
Mitch: Nelson López Garlo 

Sowie: Francesca Berruto; Pedro Maricato; Chiara Sciarrone; Lucas Erni; Lara Delfino, Kauan Soares; Balkiya Zhanburchinova; Julian Botnarenko, Doris Becker; Maria Luisa Castillo Yoshida; Sara Giovanelli, Nami Ito, Neshama Nashman, Emilia Peredo Aguirre, Ako Sago, Elisabeth Vincenti 

 

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