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HOHOMMAGE AN EINE GEHEIMNISVOLLE WASSERSTADT -- mit den Berliner Barock Solisten bei Berliner Philharmoniker Recordings

Mai 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Die um 1720 entstandenen "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi genießen mittlerweile Kultstatus. Der hervorragende Geiger Daishin Kashimoto hat dabei die Leitung der Berliner Barock Solisten übernommen. Die erste Aufführung dieses Werks durch die Berliner Philharmoniker erfolgte übrigens am 25. Oktober 1928. Hier wird historisch informiert musiziert, aber modern gespielt. Man spürt dabei wirklich, dass die "Vier Jahreszeiten" Programmmusik im besten Sinne sind. Ein Naturspektakel wird so bildlich in Musik übersetzt. Dieses Werk wirkt bei dieser Aufnahme aufgrund der unglaublichen Rasanz der Wiedergabe wie frühe Popmusik!

© Asahikasei

Fulminante Al-fresco-Technik, raffinierte dynamische Schattierungen und formale Geschlossenheit wechseln sich schon beim "Frühling" und "Sommer" in faszinierender Weise ab. Der E-Dur-Zauber des "Frühlings" entfaltet sich dabei wie von selbst - und das g-Moll des "Sommers" besitzt enorme harmonische Dichte. Die Sonne glitzert hier wirklich in tausend Farben. Aber auch das F-Dur des "Herbsts" besitzt viele klangfarbliche Nuancen und Facetten, die sich immer weiter auffächern. 

Dem Barockrepertoire haben sich die Berliner Philharmoniker übrigens erst in ihrer jüngeren Geschichte zugewandt. Die "Vier Jahreszeiten" standen beim Festkonzert zur Eröffnung des Kammermusiksaals der Philharmonie mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter unter der Leitung von Herbert von Karajan auf dem Programm. Sie sind auch bei dieser interessanten Aufnahme von einem Gefühl des Fernwehs und der Melancholie erfüllt. Rein satztechnisch passiert bei dieser akustisch weiträumigen Aufnahme geradezu Aufregendes. 

Diese Konzerte waren eigentlich ein Nebenprodukt des Reisens: Vivaldi widmete die Sammlung "Il cimento dell'armonia e dell' inventione" seinem böhmischen Mäzen Graf Wenzel von Morzin. Den Reisecharakter merkt man dieser dynamisch enorm kontrastreichen Wiedergabe deutlich an. Die Musiker lassen verschiedene Stationen in klangfarblich reichem Maße Revue passieren. Gleichzeitig bleibt nichts dem Zufall überlassen. 

Man kann sagen, dass man dieses Werk bei dieser Aufnahme eigentlich neu hört. Tremolo-Passagen reissen den Hörer wie ein Windsturm mit, man kann sie nicht mehr halten, die Noten scheinen davonzufliegen! Aber es ist nicht atemloses Hetzen, sondern der Zauber federleichter Schwungkraft, die den Zuhörer hier magisch anzieht. Dass sich Vogelrufe durch das gesamte Werk ziehen, ist hier deutlich hörbar. Sie wirken allerdings wie ein eindringliches Fanal für den "stummen Frühling". Der Ritornell-Aufbau ist deutlich hörbar, modulierende Solo- und Tutti-Passagen wechseln sich reizvoll ab. 

Der Charme des rothaarigen Mädcheninternatslehrers und Priesters Antonio Vivaldi schimmert  überall durch. Vivaldi hat die "Vier Jahreszeiten" für Venedig komponiert, dessen Zukunft ungewiss ist. Unbedingte Empfehlung!       

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