Das alles wird in der Choreografie mit einem überwältigenden Pas de deux gezeigt. Die pompösen Feste am Königshof stehen hier in einem überaus imposanten Mittelpunkt. Die famose Ausstattung von Jürgen Rose trägt entscheidend dazu bei, dass dieses Ballett seit seiner Uraufführung im Jahre 1987 beim Publikum ein großer Erfolg ist. "Dornröschen ist für mich ein Märchen, das sehr viel mit uns Menschen zu tun hat", bemerkt Marcia Haydee. "Carabosse und die Fliederfee sind die negativen und die positiven Kräfte in unserer Welt heute." Diese Kräfte werden in dieser wunderbaren Inszenierung auch visuell sichtbar, wenn sich etwa ein riesiges schwarzes Tuch über Carabosse wölbt und zuletzt das gesamte Bühnenbild bedeckt.
Carabosse ist als dämonische Zauberin eifersüchtig, was sich in einer überaus energischen Sprungtechnik zeigt. Und Jason Reilly kann dies als kongenialer Tänzer alles zusammen verkörpern. Er beherrscht die Bühne vollkommen! Rocio Aleman als Prinzessin Aurora und Marti Paixa als Prinz Desire sind vor Carabosse ständig auf der Flucht, können aber immer wieder entkommen. Und Abigail Willson-Heisel als Fliederfee (Weisheit) verströmt eine leuchtende, berührend-positive Kraft. Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der einfühlsamen Leitung von Jonathan Lo wie aus einem Guss. Flirrende Tremoli der Streicher werden von den Tänzern überzeugend umgesetzt. Themen und Motive sprudeln mit großer Präzision hervor, begleiten die Tänzerinnen und Tänzer voller Akribie.
Marcia Haydee hat im Alter von drei Jahren Tschaikowskys "Dornröschen" zum ersten Mal gesehen. Sie bezeichnet das Werk als das wichtigste Ballett ihres Lebens. Sie habe auch nie verstanden, warum Carabosse eine alte Frau sein soll. Carabosse sei für sie kein Mann und keine Frau, sondern ein Zauberer, der sich immer wieder verändern könne, sie habe diese besonderen Kräfte. Das kommt in der Inszenierung in hervorragender Weise zum Ausdruck. Haydee hat den Prolog mit dem ersten Akt zusammengeknüpft. So habe sie die Panorama-Musik genommen, die in der Partitur normalerweise zwischen dem zweiten und dritten Akt komme, um die Welt von Carabosse zu zeigen.
Doch musikalisch und in vielen Teilen der Choreografie hält sie sich eng an die traditionelle Version, was natürlich von Vorteil ist. Bis auf die Panorama-Musik hat sie in Tschaikowskys Partitur nichts umgestellt oder gestrichen. Für John Cranko hat Marcia Haydee Dornröschen selbst getanzt. Diese reiche Erfahrung geht in die suggestive Inszenierung mit ein. Die einzelnen Akte fallen hier nicht auseinander, sondern fließen ineinander über. Auroras Geburtstag, die hundert Jahre später stattfindende Jagdszene mit einem stilistischen Kostümwechsel, Prinz Desires Vision und Auroras Erwachen werden so höchst präsent. Auroras Hochzeit schließlich erscheint in tausend Farben und Facetten. Da treten Märchen- und Sagenfiguren wie Hänsel und Gretel, Aschenputtel und ihr Prinz, Herzog Blaubart und die Prinzessin, Scheherazade und Aladin, Colombine und Harlekin, der Froschkönig und seine Prinzessin, die Prinzessin auf der Erbse und ihr Prinz, die Porzellanprinzessin und der Mandarin sowie Schneewittchen und die sieben Zwerge plötzlich in den atemberaubenden Mittelpunkt. Der schelmische Auftritt von Colombine und Harlekin ist sogar besonders gut gelungen! Und auch der Prolog ist mit den Erscheinungen der vielen Feen ein erster Höhepunkt. Die Feen des Bergkristalls, des Goldenen Weins, des Waldes und der Wiesen, der Singvögel und des Zaubergartens bilden hier ein betörend-verführerisches Auditorium, dem sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Die Hofgesellschaft als Corps de ballet erscheint in Kaskaden, Girlanden und Arabesken. Der Fantasie sind dabei wirklich keine Grenzen gesetzt.
Zuletzt erhielt die anwesende Marcia Haydee den Prager Petipa-Preis (Petipa Ballet Association und Petipa Award). Man spürt, dass niemand die Musik von Tschaikowsky besser verstanden hat als Marcia Haydee. Ihre Nähe zum 1818 in Marseille geborenen und 1910 auf der Krim gestorbenen legendären Ballettmeister Marius Petipa wird damit herausgestellt.
Großer Jubel und "Standing Ovations"!


