Als performatives Kammermusiktheater präsentieren die vier wandlungsfähigen Darstellerinnen Daniela Zib (Sopran), Annika Spegg (Violine), Laura Schwind (Klavier) und Niayesh Ebrahimi (Komposition/Electronics) das "Soldatenlied" sowie das "Lied des Mephistopheles II" von Richard Wagner, "Air des Bijoux" aus der Oper "Faust" von Charles Gounod, "Der König von Thule " von Franz Liszt/Carl Friedrich Zelter, "Gretchen am Spinnrade" von Franz Schubert sowie "Perduta ho la pace" von Giuseppe Verdi. Das historische Geschehen wird in die Gegenwart geholt. Die Frauen lesen die Zeitschrift "Bravo", geben sich zuweilen mädchenhaft, dann auch wieder mit großer weiblicher Reife.
Die Geschichte von Margarete, so die Protagonistinnen, ist in Goethes Stück sehr unterbelichtet. Deswegen bemühen sie sich um eine neue Sichtweise. Um die Dinge, die im "Faust" nicht thematisiert werden, soll es in "Gretchen wants a full story" gehen. Die Darstellerinnen arbeiten ganz bewusst und auch einfühlsam mit Textausschnitten von Goethe. Vor allem wird hier erzählt, was im "Faust" gerade nicht vorkommt. Es ist so gut möglich, dem Stück zu folgen, auch wenn man den "Faust" nicht gelesen hat. Alles, was nicht von Goethe ist, haben Annika Spegg und Daniela Zib selbst geschrieben. Die Inhalte der Texte stammen entweder aus dem Leben der Schauspielerinnen oder von ihnen nahestehenden Personen. Und die komponierte Musik stammt größtenteils aus dem 19. Jahrhundert. Alle Texte in den Liedern sind aus Goethes "Faust" (mit Ausnahme des französischen Texts in der Gounod-Arie).
Die eindrucksvollen elektronischen Verfremdungen haben die Darstellerinnen hinzugefügt. Das macht auch den Reiz der Aufführung aus. Gretchen ist hier nicht direkt eine emanzipierte Frau, sondern eher das Gegenteil. In Goethes "Faust" wird die Minderjährige von dem reichlich älteren Faust ziemlich rasant verführt. Er schenkt ihr Schmuck, besorgt ihr ein Schlafmittel für die Mutter, die daran für immer einschläft. Gretchen wird schwanger, ertränkt das Kind, wird dafür zum Tode verurteilt und gibt sich zuletzt dem Gericht Gottes anheim.
Die Inszenierung macht aber auch sehr eindrucksvoll deutlich, dass die Gretchentragödie das wahre Trauerspiel ist! Frauendrama und Männerhochmut stehen grell im Mittelpunkt des Geschehens. Gretchen ist hier allerdings eher das Gegenteil einer selbstbewussten Frau - auch wenn sie von ihren ersten sexuellen Erfahrungen berichtet. Der Schatten der Tragödie des großen Mannes verfolgt sie bis in den Kerker. Im Stück wird auch an Susanna Margaretha Brandt erinnert, die 1772 in Frankfurt am Main wegen der Tötung ihres neugeborenen Kindes hingerichtet wurde. Da tun sich überraschende Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf. Gretchen ist dabei die andere Seite von Faust, sie ist das Elend der Welt. Darüber hinaus gab es für Frauen, die ungewollt schwanger wurden, in der damaligen Zeit "Unzuchtsstrafen" oder "Hurenstrafen". Darum gipfelt Gretchens Anklage in Goethes "Faust" auch in dem Ausruf: "Heinrich, mit graut's vor dir!" Die meisten Kindsmörderinnen im 17. und 18. Jahrhundert waren von niederem gesellschaftlichen Stand, was ebenfalls thematisiert wird.
Alles in allem handelt es sich hier um eine gelungene Collage unterschiedlichster Sichtweisen. Die weltumspannende Thematik der "Faust"-Dichtung des Johann Wolfgang von Goethe schimmert auch bei dieser ungewöhnlichen Bearbeitung durch. Begeisterter Schlussapplaus.


