Das Orchester ist hier noch stärker als zuvor besetzt und im reichen Schlagzeug fallen Herdenglocken auf. Es ist "das letzte Geräusch, das dem Einsamen in äusserster Höhe von der Erde her noch zuklingt, Symbol völligen Alleinseins". Hinzu kommt noch ein Hammer als "Andeutung des Eingreifens von etwas Außerweltlichem, etwas Übermächtigem, Schicksalhaftem, etwas, gegen dessen niederschmetternde, übernatürliche Wirkung der Mensch nicht mehr ankämpfen kann", so Bekker. Meister machte die erschreckend realistischen Klänge erhitzt und hochdramatisch lebendig! Der erste Satz überzeugte wieder als Marsch: "Dieses ständige Schreiten des Schreitens wegen". So formulierte es jedenfalls wiederum Paul Bekker. Der ruhelose Wanderer und begeisterte Alpinist Gustav Mahler wird hier mehr als lebendig. Wieder löste sich das Thema in seiner ganzen Energie erst aus Kraftproben, klomm dann entschlossen hoch und prallte auf einen Trompetenakkord, der aus Dur nach Moll wechselte. Dieses mottoartig wiederkehrende Klangsymbol verfestigte sich, gefolgt von der fahlen Resignation des Unterliegens.
Nach dem gewaltigen Choral setzte das schwungvolle zweite Thema ein. Nach der Exposition wurde bei der Durchführung alles Lastende überwunden. Und im stürmischen Jubel des Schlusses schien die Höhe erreicht zu werden! Klangwunder und Entrückungsvisionen beherrschten dann den sehr überzeugend musizierten zweiten Andante-Satz in Es-Dur, der das Glück des Einsamen als tatsächliche Kraft verdeutlichte. Das wuchtig gespielte Scherzo besaß trotz aller Erdenschwere hier etwas Unheimlich-Phantastisches. Über Paukenschlägen hob sein plumper Tanz an und prallte auf das Dur-Moll-Motto aus dem ersten Satz. Den Schicksalsspruch suchten neue Tanzmelodien mit "altväterischer Grazie" zu übertönen. Das Bild verdüsterte sich spürbar - und beim grausigen Erwachen verflog das Idyll vor dem unerbittlichen Schicksalssymbol.
Die ungeheure Antwort gab das Finale mit 822 Takten als weiträumiger Sonatensatz. Schon die "Sostenuto"-Einleitung bot gewaltige Kräfte auf. mit Choralklängen verbündeten sich dunkle Energien, aus den vorangegangenen Sätzen hallte es gespenstisch nach. Alles verdichtete sich - und wie ein unabwendbares Verhängnis stand das Motto des Schicksalsspruches über allem. Leidenschaftlich aufbegehrend strafften sich Marschthemen im Vorwärtsdrängen. Als einer breit strömenden Melodie scheinbar der Aufschwung geglückt war, fiel monumental der Hammer, dessen symbolische Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Es war hier bei dieser bemerkenswerten Interpretation von Cornelius Meister ein neuer Versuch, "das Ungeheure zu überwinden". Doch der zweite Hammerschlag (mit einer großen schwarzen Kiste auf der Empore!) vernichtete wieder alle Hoffnung. Ohnmächtige Resignation folgte.
Jubel, Ovationen.


