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EIN VERÄNDERTER, BEKLEMMENDER SCHLUSS -- "Katja Kabanova" von Leos Janacek im Wilhelma-Theater STUTTGART

am 23. Juni 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Ein weiterer Meilenstein der Opernschule der HMDK. Allerdings ist es die Erstaufführung der Fassung von Eberhard Kloke für Soli und Kammerorchester. Obwohl das Klangbild so reduziert ist, kommen die Instrumentationseffekte überzeugend zur Geltung.  In dieser Oper nach Ostrowskis Drama "Das Gewitter" geht es weniger um schlechtes Wetter als vielmehr um schlechte Beziehungen.

© C. Kalscheuer

Das demonstriert der Regisseur Bernd Schmitt anhand eines riesigen Containers, in dem die Protagonisten gefangen sind. Die Szene wird von einer gewaltigen Konservendose mit Fenstern beherrscht, in deren Glashaus die Protagonisten leiden. Katja hat Tichon, den Sohn der Witwe Maria Ignateva Kabanova, geheiratet. Ihre Schwiegermutter fühlt sich von ihr aus dem Herzen ihres Sohnes gedrängt und macht ihr das Leben schwer. Tichon ist wehrlos gegen seine Mutter und schafft es nicht, sich schützend vor seine Frau zu stellen. Als Tichon von seiner Mutter auf Geschäftsreise geschickt wird, betrügt Katja ihren Mann mit dem Nachbarn Boris. Doch auch Boris hat kein einfaches Leben. Sein Erbe verwaltet sein Onkel Dikoj und es wird ihm nur ausbezahlt, wenn er sich Dikoj gegenüber anständig benimmt. Während Varvara, Marfas Stieftochter, ohne moralische Skrupel eine heimliche Liebesbeziehung mit dem Mechaniker Kudrjas hat, leidet Katja unter ihrer Verfehlung. Als sie die Öffentlichkeit darüber informiert, bringt ihr dieses Geständnis jedoch keine seelische Erleichterung. 

In der hintersinnigen und fast psychoanalytisch durchdachten Inszenierung von Bernd Schmitt springt Katja hier nicht in Selbstmordabsicht in die Wolga, sondern wird von einem maskierten Täter in ihrer von dichtem Rauch eingehüllten Wohnung ermordet. Am gläsernen Fenster ist eine Blutspur zu sehen. Damit nimmt diese Aufführung ein radikal-schockierendes Ende. Die szenische Zwangsläufigkeit wird dabei mit dem Bühnenbild von Eckhard Reschat und den Kostümen von Elena Popova deutlich unterstrichen. Es erscheinen auch immer wieder unheimliche vermummte Figuren. Das Pathos des wie ein Unwetter hereinbrechenden Schicksalsschlages verdichtet sich wiederholt. Die Qualen der unschudigen Opfer werden sichtbar. 

Als Katjas Gegenspielerin steht die keifende Schwiegermutter Marfa Ignatevna Kabanova ("Kabanicha") im Mittelpunkt. Katja ist bei dieser Inszenierung aber nicht das Opfer, sondern selbst das Gewitter, das sich über Kalinow entlädt. Normalität und Ordnung scheinen hier nicht mehr zu existieren. Das Stück ist Sozialkritik und existentielle Revolte in einem. Die fast vierzig Jahre jüngere Kamila Stösslova war Leos Janaceks "Muse" im Zusammenhang mit diesem Werk. Er bezeichnete sie sogar als "Leihmutter" seiner Arbeit und schrieb ihr wie in einer Obsession mehr als 700 Briefe, nachdem seine Frau einen Selbstmordversuch knapp überlebte. Janacek hat hier also seine eigene Lebenstragödie künstlerisch packend verarbeitet. 

Überzeugender noch als die Inszenierung ist hier die musikalische Umsetzung dieses späten Meisterwerks. Vor allem der für Janacek so wichtige sprachmelodische Aspekt kommt nicht zu kurz. Die Magie des Naturklangs wird vom vorzüglichen Stuttgarter Kammerorchester unter der einfühlsamen Leitung von Florian Herkenrath in hervorragender Weise beschworen. Dass das Geschehen oft mehr lyrisch als dramatisch gesteigert ist, machen die Sängerinnen und Sänger ausgezeichnet deutlich. Insbsondere die hochbegabte Sopranistin Katarina Zorec als Katja Kabanova agiert gesanglich mit der Wärme intensivster Empfindung. 

Der dramatische Unterstrom bleibt jedoch immer erhalten und überträgt sich auf die anderen Sänger. Shaoyu He als Dikoj, Sejin Park als Boris und Janina Schweitzer als Marfa Kabanova imponieren mit starker gesanglicher Ausdruckskraft, deren Intensität sich ständig steigert. Seelen- und Naturstimmungen fließen dabei in reicher Weise ineinander über. Sewon Oh fesselt als Tichon Kabanoff mit markanter Tenorstimme. Die reizvolle Harmonik Janaceks korrespondiert in spannender Weise mit den intensiven Kantilenen. In weiteren Rollen fesseln Daniel Domarecki als Vanja Kudrjas, Yasmina Klingel als Varvara, Jonathan Bär als Kuligin/Chodec, Sion Lee als Glasa und Miriam Wagner als Feklusa. Neben dem Stuttgarter Kammerorcheser agieren noch die Holzbläser der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und das Erasmus Ensemble Stuttgart - eine klangfarbliche Bereicherung. 

Das Spannungsverhätnis zwischen Katja und ihrer Umgebung wird so auf die Spitze getrieben! Man spürt die Kühnheit, mit der Janacek mehrere Figuren zu einer zusammenstreicht. Dem Drang nach Auflösung der musikalischen Zusammenhänge wird scharf entgegengearbeitet. Dadurch resultiert die atemlose Spannung dieses Abends. Ein Motiv beherrscht die Partitur beispielsweise in zwei gegensätzlichen Versionen. Katjas Musik wird von den sanftesten und zärtlichsten Streicher- und Holzbläsertönen beherrscht. Dieselben Instrumente illustrieren den beissenden Spott der "Kabanicha". Janaceks Transformation eines Themas in ein anderes zeigt trotzdem die Macht des einzelnen Motivs. Die Musik beschreibt Katjas Verfall bis zu ihrem Geständnisdrang unter der impulsiven Leitung von Florian Herkenrath sehr deutlich. Katarina Zorec zeigt dabei eine exzellente gesangliche Leistung. Tonleitern jagen im Orchester auf und ab, hinterlassen beim Zuhörer Beklemmung! Dikojs Behauptung wird mit der Orchestermusik des tatsächlichen Gewitters glutvoll beschrieben. Und die Flugmotive aus dem Vorspiel erscheinen in voller Leidenschaft. Zuletzt siegt ein unheimliches Ostinato, das Katjas Existenz praktisch vernichtet. Und die Solo-Oboe nimmt die Melodie von Tichons Trauer ergreifend auf, das wirkt alles sehr elegisch. Mit welch erschütternder Konsequenz Leos Janacek das Werk hier zu Ende führt, kommt drastisch zur Geltung. 

Ovationen, "Bravo"-Rufe und Jubel für diese famose Leistung eines jungen Ensembles!

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