Piazzollas Operita hat mit einer Oper im klassischen Sinne nichts gemein, sie ist szenisch und experimentell. Eine stringente Handlung gibt es nicht. Es handelt sich eher um Handlungssplitter, die um María kreisen, welche in der Stadt Buenos Aires ihr Leben zu führen versucht. Facetten einer Frau, die Heilige und Hure ist, im Hafenviertel lebt, in dem sich in Spelunken Prostituierte, Zuhälter, Trinker, Schmuggler, Kleinkriminelle, Gigolos aufhalten. Es ist El Duende, ein Erzähler, ein Geist, der die Geschichte Marías heraufbeschwört, sich erinnert. Alejandro Guyot ist in dieser Rolle auch gigolohafter Zuhälter und spielt das schmierig-elegant. Eine religiöse Komponente kommt hinzu, die Kirche, ihre Gebete und Rituale, etwa der Día de los Muertes, die Mutter Gottes spielen auch im Leben der Gestrauchelten eine Rolle. Eindrücklich rezitiert der Chor, der hier nur spricht, in kirchlicher Gebetsmanier, also mehr gemurmelt und asynchron, Gebete, etwa das Ave Maria. Marias Geschichte wird mit der Passionsgeschichte verwoben. Die Figur Marías wird zudem in drei Figuren gespalten: die Person selbst, der Schatten Marías und die Tänzerin; Maria Kataeva, Morenike Fadayomi und Agostina Tarchini in pinken Kleidern mit roten Wallehaaren oder schwarz gekleidet spielen das verführerisch und leicht verrucht, auch stimmlich passen sich Kataeva und Fadayomi dieser Rolle an.
Das Libretto von Horacio Ferrer bedient sich einer poetischen, surrealen, manchmal auch etwas verquasten Sprache, die fragmentiert ist. Der Inhalt ist nicht logisch nachvollziehbar, soll es aber auch nicht sein. Die Sprachbilder, die ungewohnte Assoziationen hervorrufen, bewegen sich jenseits der üblichen Symbolik.
Der Tango, die Milonga sind in dieser Lebenswelt in Buenos Aires, in Argentinien, beheimatet. Wehmut, Heimweh der Einwanderer, Einsamkeit, Melancholie finden sich in der Musik, in dem Tanz kraftvoll wieder. Das Bandoneon als führendes Musikinstrument verleiht diesen Gefühlen, dieser Stimmung seinen unvergleichlichen Ausdruck, hier eindrucksvoll hervorgerufen durch Carmela Delgado.
Es ist sicherlich nicht einfach, dieses komponentenreiche Werk in Szene zu setzen. Johannes Erath hat sich für die Deutsche Oper am Rhein entschieden, dem splitterhaften Ideenreichtum nachzugeben und hat ein sinnliches Kunstwerk geschaffen, dem allerdings ob seiner erstaunlichen Vielfältigkeit der Zuschauer nicht bis in alle Facetten zu folgen vermag. Das Bühnenbild von Katrin Gonnan spiegelt diese Versatzstücke wider. Ein großes schmiedeeisernes M ist beherrschendes Element und erzeugt immer wieder andere Räume. Aufleuchtende pop-artige Elemente unterstreichen symbolhaft das Bühnengeschehen. Das Kostümbild von Jorge Jara fügt sich in das Gesamtkonzept überzeugend ein. Auch Agostina Tarchinis Choreografie weiß die Laszivität des Tangos bestens widerzugeben.
Vermutlich um die religiöse Komponente zu verstärken, die ja in den Texten durch vielfältige Bezüge bereits angedeutet ist, und die Parallelen zur Passionsgeschichte herauszustreichen, aber auch die musikalische Verbindung zu Piazzollas Vorbild Bach zu verdeutlichen, fügt Johannes Erath drei Werke von Bach ein, die auch das Fugenthema aus Fuga Y Misterio akzentuieren. Ob das unbedingt notwendig gewesen wäre, darüber ließe sich streiten. Für viele Bachfans ist es aber sicherlich erfreulich.
Alle Komponenten des nicht leicht zugänglichen Stoffes lassen sich sicherlich nicht beim ersten Sehen erfassen, ein zweiter Besuch wäre also wünschenswert.
Mit stürmischen Beifall für alle Beteiligten, insbesondere auch das Orchester unter der Leitung von Mariano Chiacchiarini, bedankte sich das Publikum für diese beeindruckende Aufführung.
"María de Buenos Aires" von Astor Piazzolla
Passionsgeschichte im Tangorhythmus
Tango Operita in zwei Teilen (1968)
Libretto von Horacio Ferrer
In spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musikalische Leitung: Mariano Chiacchiarini
Inszenierung: Johannes Erath
Bühne: Katrin Connan
Kostüme: Jorge Jara
Chorleitung: Albert Horne
Video: Bibi Abel
Licht: Nicol Hungsberg
Choreographie: Agostina Tarchini
Dramaturgie: Anna Melcher


