Interessant sind vor allem ihre Ausführungen zu Rahel Varnhagens 100. Todestag, die im Jahre 1933 in der "Jüdischen Rundschau" erschienen. Darin wird das Schicksal des Judentums auf den Punkt gebracht: "Die Rolle der Juden in dieser Welt ist weder soziologisch noch geistesgeschichtlich eindeutig festzulegen." Die Juden seien fast durchweg Träger der Aufklärung geworden, so Arendt weiter. Aber die Problematik der jüdischen Assimilation beginne erst nach der Aufklärung, erst in der Generation, die auf Mendelssohn folge. Die Juden als Gesamtheit könnten sich nicht mehr assimilieren. Kritisch wird Hannah Arendt angesichts des Aufsatzes von Käte Hamburger über "Thomas Mann und die Romantik". Dass die Romantik deutsche Tradition geworden sei und dass Thomas Mann in dieser Tradition stehe, sei so selbstverständlich, dass es eines "allgemeinen Nachweises" nicht mehr bedürfe. Die Themastellung erscheine deswegen von vornherein als verfehlt.
Arendts scharfsinnige Analysen sind auch angesichts der Beziehung von Rahel Varnhagen und Goethe aufschlussreich und lesenswert. Da erhält man dann auch von Goethe ein neues Bild: "Für Rahel ist Goethe der 'Mittler' zwischen ihr und der fremden Welt, der fremden Geschichte, der fremden Gesellschaft, in der sie keinen durch Geburt und Konventionen festgelegten Platz hat...'Goethe begleitet sie ihr ganzes Leben lang' und gibt ihr die Möglichkeit, ihre eigene Existenz so zu verstehen, dass sie wiederum von denen verstanden werden kann, mit denen sie zusammenleben muss, mit denen sie sich assimilieren muss. Aber was lehrte sie Goethe?" Sie habe vor allem aus dem "Wilhelm Meister" gelernt, so Hannah Arendt weiter. Glück und Unglück seien bildende Elemente im Leben von Wilhelm Meister. "Goethe verdankt sie die Fähigkeit, ihre Erlebnisse zu erzählen und nachträglich zusammenzusetzen, was zunächst nur Fragmente waren", so Arendt weiter.
Interessantes hat sie auch zu Rilkes "Duineser Elegien" zu sagen: "Echolosigkeit und das Wissen um die Vergeblichkeit ist die paradoxe, zweideutige und verzweifelte Situation, aus der allein die 'Duineser Elegien' zu verstehen sind." Dieser bewusste Verzicht auf das Gehörtwerden, diese Verzweiflung, nicht gehört werden zu können, schließlich der Wortzwang ohne Antwort seien der eigentliche Grund der Dunkelheit, Abruptheit und Überspanntheit des Stiles, in dem die Dichtung ihre eigentlichen Möglichkeiten und ihren Willen zur Form aufgebe.
Noch interessanter wird es beim Aufsatz über Sören Kierkegaard, wo Hannah Arendt auf die fragwürdige Beziehung von Christentum und Philosophie eingeht. Kierkegaards Polemik gegen Hegel stelle eine Absage an die Philosophie als solche dar: "Die Philosophie vergisst und verliert nach Kierkegaard im System das konkrete Selbst des Philosophierenden". Kierkegaard und Nietzsche würden den Abschluss der Romantik bedeuten, so Arendt. Und weiter heißt es: "Kierkegaard zahlt mit seinem Leben die Schulden zurück, die die Romantik unverbindlich gemacht hatte."
Das Nachwort zu diesem bemerkenswerten Band schrieb Thomas Meyer.

