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DER TENNISPLATZ ALS RÄTSELHAFTER ORT -- "Hässlich as fuck" in der Jungen Oper (JOiN) im Nord STUTTGART

am 17.1. 2026

ALEXANDER WALTHER 18.01.2026

Diese Musiktheater-Recherche arbeitet mit viel hintersinnigem Humor und feiner Ironie. Zwei Frauen filmen sich hier auf einem seltsamen Tennisplatz mit uralten, hypermodernen Schönheitsritualen. Dabei wird die dunkle Seite der Schönheit erforscht.

© Maatthias Baus

In der Regie von Raphaela Nowakowski und Martin Mutschler beweisen Itzeli del Rosario (Gesang) und Rosalie Zwenzner (Schauspiel) zusammen mit Marco Rizzello (Klavier) ihren besonderen Sinn für die Befreiung aus einer Welt voller Lug und Trug. Der Wellness-Zwang mit seinem Schönheitskult wird so gnadenlos entlarvt. Diese Performance öffnet tatsächlich Räume jenseits des Erfüllungszwangs: Wie könnte Versöhnung klingen und gelingen - mit einem Körper, der nie genügt? 

Bühne und Kostüme von Klax Schur rücken einen imaginären Tennisplatz in den Mittelpunkt. Die beiden Frauen verwandeln sich chamäleonartig. Musik von Chavela Vargas, Clara Schumann, Cri-Cri, Hildegard Knef, Joseph Schwantner, ROSALIA und Shirin David illustriert diese Gedankengänge eindrucksvoll. Besonders bewegend werden die beiden Lieder "Liebst du um Schönheit" und "Ich bin der Welt abhanden gekommen" von Gustav Mahler gestaltet. Itzeli del Rosario öffnet hier zusammen mit dem Pianisten Marco Rizzello wirklich neue harmonische Horizonte. Der Tennisplatz mutiert bei dieser Aufführung schließlich zum Auditorium, das den Blick auf neue Welten lenkt. 

Selbst ein Geburtsvorgang und das Problem der sexualisierten Gewalt werden einfühlsam thematisiert: "Syphilis macht die Nase groß..." Neben penetranter "Breuninger"-Werbung, James-Bond- und "Bravo"-Illusionen kommt es zwischen den beiden temperamentvollen Frauen auch zu einem heftigen Streit. "Du hast dich hochgeschlafen!" lautet einer der Vorwürfe. Auch eine berührende Szene mit der "Mater Dolorosa" bleibt im Gedächtnis. "Rosie" ist Gewinnerin und Verliererin zugleich. 

Neben dem "feministischen Kampftag" erfährt der Zuschauer zudem einiges über den "phallischen Blick". Die Männer werden schließlich aufgerufen, zu ihrer Weiblichkeit zu stehen. Zuletzt werden zwei Tennisschläger herabgelassen: Das entscheidende Spiel kann beginnen! Als "perfektes Tittenpaar" erscheinen schließlich Pamela Anderson und Kim Kardashian. Zuletzt kämpfen die beiden mutigen Frauen mit einem gigantischen "Wurstsalat", der sie zu verschlingen droht. Da kommen dann stark klamaukhafte Elemente mit ins Spiel. Wirklich stark aber ist jener Moment, als Gustav Mahlers Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" erklingt. Da breitet sich auf der Bühne plötzlich Nacht aus und die Welt scheint tatsächlich irgendwie unterzugehen. Und um die Gesichter der beiden Protagonistinnen leuchten glänzende rote Ringe, die eigentlich unschuldige Melodie wird so in ein magisches und undurchdringliches Kraftfeld gerückt. Mahler erscheint hier schlicht und so ganz ohne entfesselte Harmonik. 

Alles Hässliche wird abgestreift, Dunkelheit und Schönheit verbinden sich in geheimnisvoller Weise. 

Das Publikum zeigt sich beeindruckt. 

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Herausgeber des Beitrags: theaterkompass.de

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