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DER EINSPRINGER RETTET ALLES - -Giacomo Puccinis "La Boheme" konzertant im Festspielhaus BADEN-BADEN

am 23. August 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Ungewöhnlich war diese Aufführung schon, denn mitten im ersten Akt stellte der Tenor Benjamin Bernheim als Rodolfo fest, dass er nicht mehr singen konnte. Zum Glück fand sich der professionell agierende Andrew Jones als Tenor-Ersatz im Publikum - und so war der Abend glücklicherweise gerettet!

© Nadeesha Rathnayake: Carolina Lopez Moreno

Unter der einfühlsamen Leitung des aus Genua stammenden Dirigenten Marco Armiliato spielte das Gstaad Festival Orchestra sehr leidenschaftlich und temperamentvoll. Zusammen mit dem famosen Chor der Bühnen Bern entstand so ein bewegender Klangkosmos. Dramatisch und stimmungsvoll zugleich wurden hier die einzelnen Szenen erfasst (Spielleitung: Fabio Rickenmann). Die Fülle kleiner Themen und Motive zeigte eine bemerkenswerte Dichte. Und man begriff plötzlich, dass Mimi sterben musste, damit die anderen weiterleben konnten. Allerdings stirbt Mimi bei dieser konzertanten Aufführung keineswegs beiläufig, sondern steht zuletzt im Zentrum des Geschehens. Rodolfo bemerkt hier als letzter ihren Tod, der Klang schließt im Pianissimo. Kleinere szenische Ansätze werden hier immer wieder angedeutet - von der Gemäldestaffelei bis zum Sterbebett. Das erste Bild gipfelte in der leidenschaftlichen Ausdruckssteigerung des Liebesduetts "Ich lieb nur dich allein" von Mimi und Rodolfo. Carolina Lopez Moreno war als Mimi für Andrew Jones nahezu die ideale Partnerin. Im dritten Bild gelang dem Dirigenten Marco Armiliato mit dem Gstaad Festival Orchestra eine berührende Schilderung des Schneetreibens an der Barriere d'enfer. Das Schlussbild mit dem Duett Rodolfos und Marcellos (den Lodovico Filippo Ravizza ausdrucksvoll sang) bestach vor allem aufgrund der großartigen Sterbeszene von Mimi, die Carolina Lopez Moreno mit vielen klangfarblichen Bewegungen und Facetten berührend verkörperte. Gianluca Buratto gestaltete Collines Mantellied ebenfalls nuancenreich. Sandra Hamaoui sang als mondäne Musetta den berühmten Musette-Walzer im zweiten Bild mit filigranen Spitzentönen. In weiteren Rollen überzeugten ferner Roberto Abbondanza als Benoit, Hausbesitzer/Alcindoro und Staatsrat sowie die Solisten des Chors der Bühne Bern Oksana Vakula (Kind), Giacomo Patti (Parpignol, Händler), Tiziano Martini (Sergant bei der Zollwache) und David Park (Zöllner). 

Puccinis wilde Studienzeit blieb hier nachvollziehbar. Er ließ sich ja von dem tschechischen Schriftsteller Jan Neruda von dessen treffsicheren Reisebildern "La Vie de Boheme" mit Szenen aus dem Pariser Leben des Novellisten Henri Murger aus dem Jahre 1851 inspirieren. Gerade die Erinnerungsmotive arbeitete Marco Armiliato mit dem ausgezeichneten Gstaad Festival Orchestra wirkungsvoll heraus. Überhaupt steigerten sich die Sängerinnen und Sänger während dieser Aufführung in bemerkenswerter Weise. Auch das langsamere Motiv Collines wurde genau getroffen. Und auch das aufgelockerte neue Thema fügte sich nahtlos in den gesamten Klangkosmos. Zudem schienen alle Motive eng mit dem Leben der Boheme verknüpft zu sein. Zu Mimis ergreifendem Sprechgesang  schuf das Orchester hier die passende melodiöse Grundlage. Und auch die Wassertropfen in vier Pizzicato-Tupfern der Streicher im Pianissimo stachen nuancenreich hervor. Hier soll Mimi nach ihrem Ohnmachtsanfall wiederbelebt werden. Dem überraschenden "Einspringer" Andrew Jones gelang es immer besser, die Melodie zu übernehmen - wobei der melodische Fluss auch das Orchester in immer mitreissenderer Weise ergriff! Und so wirkte die Melodie "Che gelida manina" (vom "eiskalten Händchen") gar nicht sentimental, sondern wirklich ergreifend. Rodolfos Stimme erhob sich in der Wiedergabe durch Andrew Jones in immer größeren Bögen, die auch Carolina Lopez Moreno als Mimi aufgriff. Und auch das Schwächerwerden Mimis wurde vom Gstaad Festival Orchestra treffsicher mit langen und zarten Akkorden gestaltet. Musettes geflüstertes Gebet wurde hier von Mimis zugehöriger Melodie in sphärenhafter Ferne begleitet. 

Jubel und verdiente Ovationen sowie "Bravo"-Rufe für das gesamte Ensemble. Die Erleichterung über den geglückten Abend war allen anzumerken. Die Aufführung entstand in Zusammenarbeit mit dem Gstaad Menuhin Festival. Biagio Pizzuti wurde als prägnanter Musiker Schaunard in den Applaus mit eingeschlossen. 

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