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DAS ALTE ROM IN HEUTIGER ZEIT -- "Rienzi, der letzte der Tribunen" von Richard Wagner im Festspielhaus via 3sat

August 2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Die beiden Regisseurinnen Alexandra Szemeredy und Magdolna Parditka verlegen die historischen Zeiten in unsere heutige kalte Welt der Hochhäuser und Eigentumswohnungen. Die Adelsfamilien der Colonna und Orsini tyrannisieren die Bevölkerung. Die regierungslose Stadt versinkt im Chaos und der Papst befindet sich im Exil in Avignon.

© Bayreuther Festspiele

Cola di Rienzi, ein päpstlicher Notar, lehnt sich gegen diese Adelscliquen auf, sein jüngerer Bruder wird brutal ermordet. Nachdem Rienzi die Unterstützung des römischen Volkes erlangt hat, wird er zum Tribun ernannt. Er gewinnt Adriano, der Rienzis Schwester Irene liebt, zum Freund. Ein Attentat der Colonnas und Orsinis auf Rienzi scheitert, Rienzi begnadigt seine Feinde. Doch diese kehren mit einer Armee zurück, um ihn zu beseitigen. Rienzi führt die römischen Bürger zum Sieg, er verliert die Unterstützung der römischen Bürger und der Kirche trotzdem. Adriano wendet sich von ihm ab, nur Irene hilft ihm weiterhin. Beide werden im Kapitol eingeschlossen, das vom Volk in Brand gesetzt wird. Sie sterben in den Flammen. 

Zu Beginn dieser ungewöhnlichen, sich auch ins Monumentale ausweitenden Inszenierung sieht man einen Jungen im Haus von Rienzi und Irene sterben, von dem man nicht weiß, ob es vielleicht ihr eigenes Kind ist. In großen Treppenaufgängen und den subtilen Videosequenzen von Leonard Koch lässt die Inszenierung diese düstere Geschichte Revue passieren. In einer Passage tauchen sogar die Figuren aus allen Wagner-Opern schemenhaft auf, wobei diese Sequenzen nicht immer gelungen sind. Man denkt zuweilen an eine groteske Commedia dell'arte. Doch der packenden Wucht des Gesamteindrucks kann man sich als Zuschauer nicht entziehen. 

Die Nähe zur Grand Opera eines Giacomo Meyerbeer macht vor allem die umsichtige und einfühlsame Dirigentin Nathalie Stutzmann mit dem prachtvoll aufspielenden Festspielorchester überzeugend deutlich. Meyerbeer war von Wagners Oper übrigens durchaus angetan. Die vollbesetzten Blechbläser werden  nicht übertrieben herausgestellt. Assoziationen zu Spontini lassen sich erkennen - und auch Auber ist bei den Marschrhythmen herauszuhören, ebenso Halevys "Jüdin". Manche Passagen erinnern schon an den "Fliegenden Holländer" und "Lohengrin". Das motivische Denken und Gestalten tritt bei dieser konzentrierten Wiedergabe immer wieder ins Zentrum. 

Höhepunkt der Aufführung ist in jedem Fall Rienzis Gebet, dem Andreas Schager (Tenor) als gebrochener Mann eine erschütternde und grandiose Intensität verleiht. Der Melodiker Wagner triumphiert. Schager vollbringt an diesem Abend eine ausgezeichnete Leistung! Das Rienzi-Thema und das Blutrache-Motiv prägen sich tief ein. Die dramatische Wirkungskraft des vierten Aktes lässt ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Gabriela Scherer als fulminante Irene und Jennifer Holloway als verzweifelter Adriano brillieren an diesem Abend mit gesanglichen Glanzleistungen. 

In der Ouvertüren-Einleitung imponieren die drei Hauptthemen dieser Oper, danach kommt es zu gewaltigen Steigerungen! Nach geheimnisvollen Trompeten-Rufen erscheint die eindringliche Melodie von Rienzis Gebet. Zart steigt sie in Geigen und  Celli auf, wird im Fortissimo des gesamten Orchesters wiederholt. Der dreimalig piano ansetzende, zum Forte anschwellende Trompetenton setzt dynamische Glanzpunkte. Der Tumult des Kampfes zeigt sich auch in der Posaune, Rienzis Gebet erscheint in doppeltem Tempo, wirkt atemlos. Der volle Blechsatz entzündet einen gewaltigen Kriegsmarsch! Der erscheint dann auch später immer wieder in den großen Massenszenen des hervorragenden Festspielchors, der seine komplizierten Aufgaben in exzellenter Weise meistert. Die Stretta am Schluss reisst das Publikum mit. Doch Nathalie Stutzmann verhindert als Dirigentin bewusst oberflächliche Effekthascherei. Das symbiotische Zusammenwirken von Orchester und Vokalstimmen wird  ebenfalls nicht übertrieben herausgestellt. Neben den Belcanto-Effekten bietet sich  auch Gelegenheit, über die Nähe von Richard Wagner und Giuseppe Verdi nachzudenken, die zumindest versteckt herauszuhören ist. Der Schlachtruf "Santo Spirito Cavaliere!" und der Marsch aus dem dritten Akt geraten zu weiteren Höhepunkten dieser Aufführung. Dynamische Pracht und triumphale Melodik übertragen sich immer wieder auf die Sänger. Andreas Bauer Kanabas als Colonna, Michael Nagy als Orsini, Vitalij Kowaljow als Kardinal Raimondo, Matthias Stier als Baroncelli, Michael Kupfer-Radecky als Cecco del Vecchio sowie Victoria Randem als Friedensbote bilden einen eindrucksvollen Reigen. 

Zuletzt verdienter Jubel - vor allem für Andreas Schager als Rienzi!    

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