Für den Literaturbetrieb ist der Skandal perfekt. Die Macht von Geschichten steht hier plötzlich im Zentrum. Spannend beschrieben wird insbesondere die Begegnung zwischen Nazanin und Emma: "Nazanin fand sie alle. Jedes einzelne. Die beiden Frauen sagten kein Wort, während Nazanin wie eine Besessene scrollte und klickte und verglich und notierte und wieder scrollte und klickte und wieder verglich und wieder notierte und dachte, ihr Herz müsse jeden Moment stehen bleiben."
Überzeugend ist hier insbsondere der plastische Perspektivwechsel zwischen diesen unterschiedlichen Frauen. Manchmal scheint die Journalistin zur Dichterin zu werden und umgekehrt. Das alles ist auf jeden Fall rasant und schlagfertig erzählt, da kommt keine Langeweile auf. Erst als Nazanin Esfahani sie für eine Tageszeitung porträtiert, bekommt Emmas Geschichte deutliche Brüche und Risse. Zuletzt heißt es dann beispielsweise: "Ein paar quälende Augenblicke lang sagte Nazanin nichts. Emma bohrte ihre Fersen in den grauen Nadelfilz und fragte sich, ob jemals schon jemand so allein gewesen war wie sie." Und gerade dieser ungwöhnliche Aspekt macht das Ungewöhnliche an diesem Roman aus. Im Zentrum steht zuletzt sogar Emmas eigenes Spiegelbild: "Ich bin so froh, dass ich dich habe", sagte sie, "ohne die Augen von ihrem eigenen Spiegelbild zu lösen. "Ich bin so froh, dass diese ganze Sache dich mir nicht wegnehmen konnte. Solange du bei mir bist, kann mir nichts passieren". Es scheint, als hätte Emma den gefährlichen Plagiatsverdacht im Literaturbetrieb zuletzt glücklich überstanden.
Und man erfährt dann auch, dass Emma bald ein neues Buch veröffentlichen wird, das die ZEIT im Vorabdruck bringen will. Beissend und gekonnt karikiert wird hier nicht nur der übertriebene Ehrgeiz und die Neugier von Journalisten, sondern vor allem auch die Eitelkeit und Selbstüberschätzung von Dichtern beziehungsweise Schriftstellern. Das besticht durch Wortwitz und Fabulierungszauber. Satirisch beschrieben wird auch die Kommunikationsunfähigkeit in Jugendzentren und die rhetorische Hilflosigkeit des Literaturbetriebs an sich. Da gibt es immer wieder witzige Brüche, aber nie holprige Stellen im Text.
Klar ist in jedem Fall, dass Özge Inan ein starkes literarisches Talent ist. Das hat sich schon in ihrem vorigen Roman "Natürlich kann man hier nicht leben" gezeigt, wo der unerfüllbare Traum einer jungen Türkin nach Freiheit plastisch beschrieben wird. Die Freiheit steht auch in diesem Roman im Mittelpunkt, aber mit einem deutlich künstlerischen Hintergrund.


