Im Hintergrund sieht man große Hausgerüste - hier feiert die Handwerkszunft ihre Feste. Der Beginn in strahlendem C-Dur täuscht nicht über Trübungen hinweg. Vogelfiguren erinnern an Walther von der Vogelweide. Und die Meistersinger enden tatsächlich in demselben C-Dur, mit dem sie beginnen. Zuletzt öffnet sich die weiße Wand und macht einen großen Hintergrund frei. Dabei sieht man Gebäude, die an die Architektur Albert Speers erinnern. Zuvor wird noch ein Ausschnitt aus Paul Celans "Todesfuge" zitiert, die bei Teilen des Publikums leider nicht gut ankommt: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland..." Hans Sachs ist dabei Parallelfigur zu Johannes dem Täufer. Am Ende steht er dann wieder im Zentrum. Eva gesteht Hans Sachs ihre Liebe. Und als Walther die Aufnahme in die Meistersingerzunft ablehnt, beschwört Sachs die Überlegenheit der "heil'gen deutschen Kunst". Zu allem Überfluss gerät zuletzt noch ein Kinderwagen in Brand, wobei man den Sinn dieser Szene nicht voll versteht. Und es erschließt sich auch nicht unbedingt, warum Hans Sachs Walther von Stolzing mit einer Pistole bedroht. Am Schluss sieht man dann Walther von Stolzing, der wie Lohengrin im oberen Teil der Bühne verschwindet. Dann kann die glückstrahlende Braut Eva dem Geliebten Walther von Stolzing den Lorbeer aufs Haupt drücken.
Elisabeth Stöppler inszeniert dieses Werk im Bühnenbild von Valentin Köhler und den Kostümen von Gesine Völlm als "deutschen Sommernachts-Alptraum von Hans Sachs". Gleichzeitig wird das komödiantische Potential immer betont. Das ideale deutsche Völkchen geht so nicht unter. In dieser Meisterriege zeigt sich eine große Bandbreite von Charaktereigenschaften. Die Kunst schafft hier deutlich Raum für gewaltige Auseinandersetzungen und Begegnungen. Elisabeth Stöppler möchte in ihrer differenzierten Inszenierung durchaus Freiräume aufbrechen, was nicht immer gelingt. Und das Lachen bleibt dem Zuschauer im Halse stecken. Diese Meistersinger-Männer sind allesamt keine Künstler, sondern leidenschaftliche Dilettanten. Die Regeln für die Kunst bieten die Bürger. Damit wird dann auch Wagners Kunstreligion verbunden. Der schmale Grat zwischen künstlerischer Freiheit und Regelbruch tritt bei dieser Inszenierung manchmal drastisch hervor. Da die Vögel immer wieder den Text Wagners durchziehen, kommen sie auch in Elisabeth Stöpplers Inszenierung oft vor. Hans Sachs wird übrigens auch als Königsfigur erzählt, die sich von allen anderen abhebt. Gleichzeiitig machen sich die Meister über Walther lustig, weil er behauptet, von den Vögeln gelernt zu haben.
Der Ausgangspunkt dieser nicht immer gleich gut gelungenen Inszenierung ist ein weißes Blatt Papier und ein schwarzer Bleistift. Grimms Märchen und die Farben des Deutschen Reiches haben Pate gestanden. Lichtveränderungen öffnen den fast pulsierenden organischen Raum. Im Bühnenbild werden so auch Lebensräume aufgezeigt. Rein musikalisch ist diese Aufführung in jedem Fall überzeugender als szenisch. Dies zeigt sich gleich zu Beginn, wo Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart die plastische Klarheit der Themen bei kunstvollster Polyphonie des Stimmgewebes immer wieder sehr ausdrucksvoll betont. Der Ausdruck festlicher Größe wirkt so nirgends aufgesetzt - dies gilt auch für das lebhaft vorwärtsdrängende Synkopenmotiv. Aus Walthers Preislied wird die blühende Liebesmelodie dann wunderbar abgewandelt. Geigen, Celli und Hörner singen dieses Liebeslied voller Intensität. Der diatonische Klangcharakter bleibt hier immer gewahrt. Dies gilt auch für die berühmte Prügelszene des zweiten Aktes, eine meisterhafte Doppelfuge, wo sich vor allem auch der Staatsopernchor bewähren kann. Insbesondere die melodischen Momente blühen bei Meister immer wieder in ausgezeichneter Weise auf. Die schwärmerische Gefühlswelt Evas und Walthers zeigt sich in anschwellenden Nonenakkorden, kontrapunktische Durchsichtigkeit blitzt überall auf.
Der Geist der Polyphonie triumphiert und kommt auch den Sängern zugute. Der Bassist Martin Gantner bietet als Hans Sachs eine profunde und hervorragende Leistung. Und Daniel Behle als Walther von Stolzing kann dem Sehnsuchtsmotiv viel abgewinnen. Esther Dierkes als Eva vermag sowohl strahlkräftige Spitzentöne als auch leise Akzente zu betonen. Björn Bürger liefert als ungeschickter Stadtschreiber Beckmesser eine reife Charakterisierung. In weiteren Rollen überzeugen David Steffens als Veit Pogner, Torsten Hofmann als Kunz Vogelgesang, Shigeo Ishino als Konrad Nachtgal, Pawel Konik als Fritz Kothner, Heinz Göhrig als Balthasar Zorn sowie Dominic Große als Ulrich Eisslinger. In den polyphonen Reigen fügen sich auch Sam Harris als Augustin Moser, Stephan Bootz als Hermann Ortel, Franz Hawlata als Hans Schwarz, Torben Jürgens als Hans Foltz, Kai Kluge als David, Maria Theresa Ullrich als Evas Amme Magdalene und Michael Nagl als Nachtwächter.
Zumindest die musikalische Darbietung untrstreicht an diesem Abend, dass es in Wagners "Meistersingern" um reine Liebe in ihrer unverwechselbaren Form geht. Das zeigt sich sogar dann, als Eva mit Hans Sachs die Literatur entdeckt. Den polyphonen Klangzauber unterstreichen ferner die Lehrbuben Isolde Daum, Laura Corrales, Noriko Kuniyoshi, Olga Paul, Maja Tabatadze, Anna Matyuschenko, Jisum Oh, Imogen Thirlwall, Shan Shan Wang, Elisabeth Auerbach, Pia Liebhäuser, Cristina Otey, Lena Spohn, Tong Zhang, Margret Hauser, Eva Maria Sutor, Lucy Williams und Jie Zhang. Und Cornelius Meister lockert als umsichtiger Dirigent die Unverhältnismäßigkeit von Männer- zu Frauenpartien deutlich auf. Da spricht Wagner mit seiner Musik manchmal ganz unverwechselbar zum Hörer. Der festlich-marschartige Zwischensatz mit seinem Festtags-Motiv sowie Ritter- und Liebesmüh-Motiv besitzt bei dieser Wiedergabe sogar etwas Ironisches. Und das Poch-Motiv leuchtet in markanten Akkorden.
Zuletzt gab es neben einigen "Buh"-Rufen für das Regieteam Riesenjubel des Publikums.


