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ZAUBER DER VERWANDLUNG -- "Salome" von Richard Strauss in der Staatsoper Stuttgart

31.10.2024

In der Regie von Kirill Serebrennikov kommt die Geschichte einer kaputten Familie in einer kaputten Welt grell zum Ausdruck. Eine autoritäre Gesellschaft schafft sich im modernen Ambiente ihre eigenen Gesetze. Es werden schockierende Szenen der Gewalt gezeigt (Video: Ilia Shagalov). Und auch die Bühne von Pierre Jorge Gonzalez weist in ihrer verblüffenden Monumentalität auf die Gefahren monströser Brutalität hin. Das deuten selbst die Kostüme von Kirill Serebrennikov an.

Copyright: Martin Sigmund

Salome kann von ihrem radikalen Besitzdenken nicht lassen. Alle Protagonisten sind den begehrenden Blicken schutzlos ausgesetzt. Der Page schaut Narraboth auf diese Weise an, Narraboth und Herodes Salome - und natürlich Salome Jochanaan. Eine kalte moderne Welt zwischen riesigen Glasvitrinen und trügerischer Wohnzimmeratmosphäre öffnet auch  den Blick auf Schrecken und Folter des Krieges. Vom ersten Augenblick an möchte Salome Jochanaan besitzen. Natürlich gibt es in dieser Arbeit auch Schwächen. Das zeigt nicht nur die seltsame Trickfilmatmosphäre, sondern auch Salomes Tanz, dem hier eigentlich jede Erotik fehlt. Die Prinzessin versteckt sich sogar hinter einer Maske.

Der abgeschlagene Kopf Jochanaans wird allerdings auf offener Bühne gezeigt, da hält sich die Inszenierung an die traditionelle Vorlage. Als Herodes schließlich "Man töte dieses Weib!" ausruft, sieht man die scheinbar teilhahmslose Salome wie in einer gläsernen Vitrine im oberen Schlafzimmer stehen, in dem sich zuvor Herodias mit ihren Liebhabern vergnügt hat. Die Soldatenwache stürzt sich nicht auf sie, man erkennt nur einen einzelnen Mann mit einer Pistole. Dann geht das Licht aus. Das Ganze hat also eigentlich einen offenen Schluss. Hinzu kommt, dass bei dieser ungewöhnlichen Inszenierung Jochanaans Stimme und Jochanaans Körper aufgeteilt sind.

Musikalisch ist diese Aufführung wesentlich ergiebiger, aufwühlender. Denn es gelingt dem umsichtigen Dirigenten Tomas Hanus, die Farbenpracht der Tonsprache und das ungeheure Motivgeflecht minuziös herauszuarbeiten. Die harmonische Bewegung ist ungebrochen,  dieser grenzenlose Fluss überträgt sich auch auf die Sänger. Das reiche kontrapunktische Gewebe wird vom famos musizierenden Staatsorchester Stuttgart immer wieder in beglückender Weise ausgekostet. Man begreift beim "Tanz der sieben Schleier" zumindest musikalisch tatsächlich, dass es sich hier mehr um Pantomime als um Tanz handelt. So kommt die spielerische Artistik der reichen Inspirationsquelle nicht zu kurz. Grandios wirkt vor allem das symphonische Zwischenspiel nach dem Abgang des Jochanaan. Orientalisches  Kolorit, schwüle Mondscheinstimmung und pervertierte Leidenschaften werden eher zurückhaltend dargestellt.

Allerdings versucht  die Inszenierung, das komplizierte Beziehungsgeflecht auf eine neue Stufe zu stellen. Das zeigt sich beim Dirigenten Tomas Hanus auch in der harmonischen Gestaltung. Das strömende Melos in Salomes Schlussmonolog in Cis-Dur kommt dank der ausgezeichneten Sopranistin Simone Schneider hervorragend zur Geltung. Man erlebt dabei tatsächlich eine Art "visuelle Klanglichkeit", die unter die Haut geht. Und auch die klanglichen Unterschiede und dynamischen Nuancen von Jochanaan in As-Dur und f-Moll sowie für Salome in cis-Moll und Cis-Dur kommen packend zur Wirkung. So wird die komplizierte Psyche der Titelheldin klangliche Realität.

Die wie Schreie wirkenden Motive und die zuckenden Akzente übertragen sich deutlich auf die Gesangslinien. Dies zeigt sich auch beim opulenten Bariton von David Steffens, der die Stimme Jochanaans suggestiv darstellt. In subtilen Video-Großaufnahmen sieht man Jochanaans Körper, den Luis Hergon packend darstellt. Als Herodes überzeugt vor allem Gerhard Siegel mit überaus leuchtkräftigem Tenor, während Sophie Koch als Herodias ihren Überdruss über die Geschehnisse bei Hofe zur Schau stellt. In weiteren Rollen fesseln Moritz Kallenberg als verzweifelter Narraboth, Lana Maletic als Page, Torsten Hofmann als erster Jude, Heinz Göhrig als zweiter Jude, Sam Harris als dritter Jude, Joseph Tancredi als vierter Jude sowie Andrew Bogard als fünfter Jude. Pawel Konik als erster Nazarener, Jacobo Ochoa als zweiter Nazarener sowie Jasper Leever als erster Soldat und Aleksander Myrling als zweiter Soldat gewinnen rasch Profil. Und auch Marius-Sebastian Aron als Kappadozier und Elena Salvatori als Sklave zeigen starke Bühnenpräsenz. Die meist nervös zerfaserte Gesangslinie wird nicht in übertriebener Weise herausgestellt. Prophetische Ekstase fasziniert vor allem bei David Steffens als Jochanaan.

Die musikalische Empfindungswelt Salomes steht immer im Zentrum. Das zeigt sich auch bei ihrem von Simone Schneider packend dargestellten Leidenschaftsmotiv. In bewegendem H-Dur beginnt das Werben Salomes um Jochanaan. Und die gehämmerten Motive in Singstimme und Orchester werden von Tomas Hanus und dem Staatsorchester Stuttgart geradezu fieberhaft herausgemeisselt. Bei Jochanaans feierlichem Hinweis auf die Gnade des Messias tönt es verweifelt aus dem Orchestergraben. Da herrscht plötzlich fieberhafte Hochdramatik. Salomes Welt schwankt immer wieder grell zwischen As-Dur und Cis-Dur. Das Judenquintett imponiert ferner mit Charakterisierungsreichtum, wenngleich die szenische Gestaltung etwas abfällt. Die von fluktuierender Harmonik durchsetzte Chromatik ist hier nicht zu bremsen. Simone Schneiders Sopran ist ebenso lyrisch wie hochdramatisch, deswegen ist sie als Salome eine Idealbesetzung.

Viel Schlussapplaus, großer Jubel in der Staatsoper.
 

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