Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
SHOW IM MÄRCHENWALD -- "The Fairy-Queen" von Henry Purcell mit der Jungen Oper (JOiN) im Nord STUTTGARTSHOW IM MÄRCHENWALD -- "The Fairy-Queen" von Henry Purcell mit der Jungen...SHOW IM MÄRCHENWALD -- ...

SHOW IM MÄRCHENWALD -- "The Fairy-Queen" von Henry Purcell mit der Jungen Oper (JOiN) im Nord STUTTGART

am 23.2.2025, Premiere

Als Show mit moderner Synthesizer-Musik präsentiert die Regisseurin Olivia Hyunsin Kim im weiträumigen Bühnenbild von Leo G. Alonso (Kostümbild: Nadine Bakota/Mateusz Bidzinski) Henry Purcells Meisterwerk "The Fairy-Queen" ganz neu. Der englische Komponist schrieb dieses Werk im Jahr 1692. Anlass für die "Semi-Opera" war der 15. Hochzeitstag von König William III. und Königin Mary II. Als Vorlage diente Henry Purcell William Shakespeares Schauspiel "Ein Sommernachtstraum", in dem die Feenkönigin Titania und König Oberon herrschen.

Copyright: Matthias Baus

Das Konzept macht sich dabei allerdings unabhängig von Shakespeares Story. Hier versammeln sich im Märchenwald allerlei Fantasiewesen. Ein betrunkener Dichter hat sich an diesen Ort verirrt - die Feen zwicken ihn. Dabei erklingt eine leidenschaftlich musizierte Melodie zu den Worten "I'm drunk, drunk, as I live, boys, drunk". Dieses Geschehen wird auf der Bühne in einem atemlosen Tohuwabohu dargestellt. Oberon verzaubert die Menschen in eine Liebes-Blume, was man auch in dieser farbigen Inszenierung immer wieder sieht. Und es dominieren Regeln: Coridon darf Mopsa nicht einfach ohne Erlaubnis küssen, auch wenn er gerne möchte. Doch es gibt ein Happy End, denn am Ende kommen alle wieder zusammen. Im Video von Jones Seitz sieht man zahlreiche Engel, Blumen und fallende Blätter. Alle wechseln immer wieder von einer Rolle in die andere und beschäftigen sich auf spielerisch-virtuose Art mit dem Gegenüber. Das gehört zu den großen Vorzügen der Handlung. Zuletzt folgt ein großer Konfetti-Regen!

Vor dem eigentlichen Beginn der Oper gibt es sogar ein "Speed-Dating" mit Zuschauern. Später kommen Insekten hinzu. Am Schluss feiern alle eine große Hochzeits-Party. Alle Beteiligten sind auch einverstanden, dass jemand Liebesbeziehungen mit mehr als einer Person führt. Man soll dabei lernen, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen und miteinander abzusprechen, was beim Flirt erwünscht ist. Mit dem klassischen Orchester sowie elektronischem Continuo und reizvollen Live-Effekten erscheint die Handlung so lebendig.  Musikalisch wird viel geboten. Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der temperamentvollen Leitung von Yudania Gomez Heredia wie aus einem Guss. Die Szene des betrunkenen Dichters gerät zum ersten Höhepunkt der Handlung: "Füllt mein Glas bis zum Rand!" Auch der Chor der Feen gewinnt hier starke Präsenz. Das Maskenspiel im zweiten Akt weckt eine erfrischende Atmosphäre, als die Geister der Nacht, des Geheimnisses, der Verschwiegenheit und des Schlafs auftreten.

Auch das Maskenspiel im dritten Akt bleibt spürbar, wo Titanias verzückte Liebe für den Weber  Bottom im Mittelpunkt steht. Volkstümliche Stücke in Form von Tänzen sind immer wieder herauszuhören. Olga Slatvinska (Sopran; Spiel: Raphaela Fiuza Nowakowski), Olivia Johnson (Mezzosopran), Sam Harris (Tenor), Charles Sy (Tenor), Aleksander Myrling (Bass) sowie Ui-Kyung Lee (Continuo) und Francesca Meola und Jonas Florian Nothof (Tanz) fügen sich zu einem mitreissend agierenden Ensemble zusammen. Die großartige Chaconne entfaltet bei dieser Aufführung jedenfalls eine bestrickende Wirkungskraft. Auch die Trompetenmelodie in "Hark! hark! the echoing air" ist markant herauszuhören. Die Dirigentin Yudania Gomez Heredia achtet auf Details. Die ausdrucksvolle Melodie der Oboe (die auch auf der Geige gespielt werden kann) bei "The Plaint" gewinnt ebenfalls Format.

Lebhafte Rhythmen sorgen bei dieser Wiedergabe für einen atemlosem Ablauf des Geschehens. Figurationen und kontrapunktische Finessen treten immer wieder in reizvoller Weise hervor - auch die expressiven melodischen Linien kommen nicht zu kurz, was sich in positiver Weise auf die Sänger überträgt. Wirkungsvolle Synkopen und dynamische Kontraste ergänzen die starke innere Bewegung dieser Musik, die hier einen glutvollen Charakter hat. Lullys feierlich-punktierter Achtelrhythmus ist zuweilen spürbar. Der barocke "Bass-Beat" bildet ein originelles Fundament, dessen Intensität nicht nachlässt. Im zweiten Akt singt der Chor "Nun vereint eure trillernden Stimmen", was für die szenische Entwicklung nicht ohne Wirkung bleibt. Und der Schlaf meldet sich: "Still, nicht mehr!" Die Szene von Coridon und Mopsa blitzt hervor: "Nun machen die Queers und Straights das Heu".

"Nun bringt der ewig dankbare Frühling seinen jährlichen Segen zurück", verkündet der Frühling. Und der Sommer meint: "Hier ist der Sommer, aufgeweckt und lustig." Der Herbst sagt: "Seht meine farbenrprächtigen Felder." Und der Winter offenbart: "Nun kommt der Winter langsam, blass, mager und alt." Juno ruft im  fünften Akt: "Dreifach glückliche Liebende, seid für immer frei vom Teufel Eifersucht." Und der Chor preist: "Sie sollen so glücklich sein, wie sie schön sind." So eröffnet diese ungewöhnliche Sichtweise neue Perspektiven auf Purcells Oper - auch wenn manche Passagen verfremdet werden, was natürlich nicht immer unproblematisch ist. Die chinesische Schluss-Szene mit ihrem orientalischen Glanz wird zumindest angedeutet. Echotanz und Feenchor bilden reizvolle Kontraste. Nur zwei Lieder und vier Tänze tragen übrigens Purcells eigene Handschrift. Die übrige Partitur wurde von Notenkopierern geschrieben. Das Werk war ein Riesenerfolg, als es im Mai des Jahres 1692 am Queen's Theatre in London uraufgeführt wurde. Und ein großer Erfolg war es jetzt auch in Stuttgart, wo das Publikum jubelte.
 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 25 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

AUS DEM DUNKEL INS LICHT -- Neue CD: Die Würth Philharmoniker und Thomas Hampson (Bariton) bei hänssler Classic

Das dritte Album der Würth Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Claudio Vandelli präsentiert den berühmten US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson. Die Würth Philharmoniker, die auf…

Von: ALEXANDER WALTHER

NORDISCHE KLANGFARBEN -- Neue CD "Northern Colours" mit Felix Klieser (Horn) bei Berlin Classics erschienen

Im Zentrum des neuen Albums von Felix Klieser (Horn) steht das inspirierende Werk "Soundscape - A Walk in Colours" op. 118 von Rolf Martinsson, der 1956 in Schweden geboren wurde. Der Komponist hat…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE TOTEN KOMMEN WIEDER -- Premiere "Antigone. Ein Requiem" von Thomas Köck im Schauspiel Nord/STUTTGART

"Sag mir nur eins, was taugt der Frieden hier, wenn er Leichen an den Strand spült, was für ein Frieden soll das sein?" fragt Antigone ihren Gegenspieler Kreon. Wer übernimmt eigentlich Verantwortung…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT VERVE UND ESPRIT -- Neue 4-CD-Box beim Label Naxos erschienen: Berühmte Orchesterwerke und Walzer von Johann Strauss II

Das Slowakische Staatliche Philharmonische Orchester, das Slowakische Radio Sinfonieorchester, das Polnische Staatliche Philharmonische Orchester Katowicze und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIVERSE LACHVARIATIONEN -- Kabarett mit Eva Eiselt im Kleinkunstkeller BIETIGHEIM-BISSINGEN

Putin, Trump und Kaiser Wilhelm I. möchte sie am liebsten unter Denkmalschutz stellen lassen. Die Kabarettistin Eva Eiselt erhielt nicht nur den Deutschen Kabarettpreis, sondern auch den goldenen…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑
StartseiteBeiträgeKritikenHintergründeTheatermacherServiceFachbegriffeSuche