Der Filmglamour wird hier natürlich gehörig auf die Schippe genommen. Was der Begriff Schönheit bedeutet, bleibt im opulenten Bühnenbild von Johanna Stenzel ein Rätsel. Forever young? Zumindest der blonde Dorian wird von Tim Bülow mit einem enormen Bodybuilder-Outfit gemimt. Sein lang wallendes blondes Haar erinnert an Siegfried in Wagners "Götterdämmerung". Den grotesken Social-Media-Körperkult treibt man in diesem Stück nach dem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde auf die Spitze! Die Frage der äusseren Erscheinung und das Erkennen der inneren Wahrheit stehen bei dieser Inszenierung absolut im Zentrum. Für Busenfetischisten ist diese Aufführung eine Augenweide. Auch amerikanische Fernsehshows werden so in diffusen Einblendungen immer wieder ad absurdum geführt. Aktuelle Diskussionen über Ethik sowie der Einfluss der Technologie auf unser Weltbild werden bewusst hinterfragt.
Lord Henry feiert in der stilvollen Verkörperung von Felix Jordan die Schönheit. Das Gesicht des legendären Londoner Dandys erhält hier scharfe Konturen mit grotesken Übertreibungen. Die fantasievollen Kostüme von Teresa Vergho passen sich dem glitzernden Bühnenbild an. Die Tragödie des Alters eskaliert in schockierender Weise, denn Dorian wird von Basil (hervorragend: Sebastian Röhrle) einfach in den Straßenschacht gestoßen. Auch KI-Porträts lassen hier grüßen: "Ich liebe es, das Echo meiner eigenen Gedanken und Ideen zu hören, gesteigert durch die Präzision der Technologie. Es ist lustvoller als alle Genüsse des Fleisches." Teresa Annina Korfmacher spielt die Schauspielerin Sibyl Vane unschuldig und durchtrieben zugleich. Sie lässt ihr digitales Abbild erstellen, um den steigenden Anforderungen der Film-Industrie zu entsprechen. Pefektion und permanente Verfügbarkeit werden wie selbstverständlich verlangt - Disziplinen, an denen auch Marilyn Monroe zerbrochen ist. Ihr Avatar macht Karriere - Sibyls reales Dasein zerfällt wie das Bildnis des Dorian Gray, von dem zuletzt nur noch eine hässliche Fratze zu sehen ist.
Dorian Gray unterwirft sich auch in Wilke Weermanns Version einem radikalen Optimierungswahn, der natürlich in die Hose geht. Selbst Sibyls relativ vernünftige Schwester Jane (ausdrucksstark: Mina Pecik) wird zum Opfer, auch sie verschwindet schließlich im Straßenschacht. Es herrscht hier ein verlogener Algorithmus, der ewige Jugend verspricht. Longevity & Beauty mutieren zur neuen Form der Selbstfürsorge, gipfeln in absurd-komischen und vertrackten Situationen. Schönheit erscheint als Voraussetzung von Macht: "Lass dich nicht gehen, weil du es dir wert bist!" Der Narziss-Mythos wird von Oscar Wilde schmerzhaft verdeutlicht, der ja auch in seinem Leben daran gescheitert ist. Die Abspaltung des alternden Ichs zeigt skurrile Züge, die Pauline Großmann als echauffierte Frau Dr. Kober-Billstedt (Video) und Klaus Rodewald als stoische Werbestimme (Ton) genüsslich auskosten. Musik und Sounddesign von Constantin John unterstreichen ebenso die surrealen Momente dieser Inszenierung.
Dorian bleibt jung, während das Bild an seiner Stelle altert: "Das Porträt sollte die Last seiner Scham tragen". Äußere Erscheinung und innere Wahrheit finden nicht wirklich zusammen. Das ist das Tragische. Abbilder werden nur noch perfekt generiert. Digitale Doubles bevölkern die Bühne. Der Dandy bietet sich als wandelnder Spiegel der Gesellschaft an. Gleichzeitig versucht Wilke Weermann das viktorianische Zeitalter zu überwinden, was nicht immer gelingt. Die navyblauen Jacketts mit goldenen Knöpfen haben hier ausgedient. Den roten Faden kann man nur schwer entwirren. Am besten gelingt die Hervorhebung der Dekadenz, die man nicht auslöschen kann. So reflektiert Dorian: "Die Menschen wünschen sich jemanden, der wirkt, als ob das Leben ihm nichts anhaben kann. Einen, der heil ist. Heil dem Heiland..." Und Felix Jordan mimt den Zusammenbruch von Henry glaubwürdig, der schließlich vom hämischen Moderator ausgelacht wird: "Ich ertrage das Echo meiner eigenen Gedanken nicht mehr, denke ich, noch immer in der Garderobe...Warum nur lebe ich und wie lange noch..." Und in den Katakomben entdeckt Jane das Amalgam. Es spricht mit den Stimmen von Sibyl, Henry und Basil. Am besten gelingen bei dieser Inszenierung die Regieanweisungen, da wird der ganze Wahnsinn der Filmindustrie gnadenlos bloßgestellt: "Das Lächeln dauert an. Niemand erlöst sie. Der Schmerz steht ihr ins Gesicht geschrieben. Tränen laufen an ihr herunter."
Viel Zustimmung und "Bravo"-Rufe des Publikums (Video: Christian Neuberger).


