
Veronika trifft einen Mann, der ihrem verstorbenen Vater erschreckend ähnlich sieht. Klaus Rodewald als Viktor und Pauline Großmann als Veronika sorgen hier für einen darstellerischen Höhepunkt: "Und ich habe wirklich Glück gehabt, dass du mich nicht großgezogen hast..." Albert und Jeva verabreden sich dabei zum letzten Mal nach ihrer Trennung. Zwischen den Senioren Laura (fabelhaft: Anke Schubert) und Franz (nuancenreich: Boris Burgstaller) entfaltet sich trotz eines schwierigen Beginns eine seltsame Beziehung. Marta träumt von einer Abreise und ihrer Gesangskarriere. Aus dem Radio kommt schließlich die Warnung vor einem atomaren Angriff, Sirenen heulen, alles gerät in Panik. Später gibt es eine gewaltige Explosion, die Protagonisten werden plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Die Gäste suchen immer wieder verzweifelt Schutz. Sie teilen alles miteinander. Darunter auch die Dokumentarfilmerin Lisa (ebenfalls Pauline Großmann), die sich nicht nur auf die Kamera konzentriert. Peer Oscar Musinowski als Adam schlüpft ebenfalls virtuos in seine hintersinnige Rolle.
Trotz mancher szenischer Schwächen spürt man bei dieser Inszenierung immer, wie groß der unheimliche Schatten des Krieges über allem steht. Humor fehlt ebenfalls nicht, was insbesondere in den abwechslungsreichen Dialogen zum Ausdruck kommt. Die Szene mit dem von Boris Burgstaller sarkastisch gemimten Kaninchen sticht deutlich heraus: "Seid doch endlich mal still! Ihr geht mir mächtig auf die Eier!" Da erreicht das Stück satirische Dimensionen. Eine gewisse Hoffnung lässt der Schluss zu, bei dem Lisa optimistisch resümiert: "Wir sollten uns an das Beste klammern, was wir haben...Denn ich bin mir sicher, noch haben wir es." Da wird fast klar, dass das Schlimmste schon überstanden ist. Die ukrainische Autorin Maryna Smilianets sagt selbst, dass ihr Leben durch die großangelegte Invasion der Ukraine durch Russland völlig auf den Kopf gestellt wurde. Die ersten Tage des Angriffskrieges hätten sich wie das Ende der Welt angefühlt. Diese Stimmung kommt vor allem in den Videoeinspielungen von Valeriia Penova grell zum Vorschein.
Insbesondere die enorme psychische Anspannung können die Darsteller gut herausarbeiten. So entsteht auf der Bühne immer wieder eine Art gemeinsamer Therapie. Und doch rettet der Humor ganz im Sinne der Autorin hier die mentale Gesundheit der Protagonisten. In der Geschichte dieser Ukrainerin spiegeln sich die Gefühle und Gedanken der Autorin wider. Maryna Smilianets möchte den Ukrainerinnen und Ukrainern damit eine Stimme geben. Der Krieg ist hier näher, als man denkt. Die Karaokebar soll in dieser Inszenierung ein Ort sein, an dem Menschen Spaß haben und sich ablenken können. Der Schutzbunker dagegen ist die brutale Realität - ein Ort des nackten Überlebens: "Warten Sie mindestens 90 Sekunden, bis die Schockwelle vorbei ist..." Gerade dieser krasse Gegensatz hätte in der Inszenierung auch noch deutlicher zutage treten können. Das Ende der Welt kommt nicht als plötzliche Katastrophe, sondern als ein Prozess, der sich mitten im Alltag abspielt. Ein "Gleichnis" als Warnung für mehr Bewusstsein. Und Patrick meint: "Aber wenn wir den Atomkrieg überleben, warum sollten wir das dann nicht irgendwie feiern?"
Es wurde in deutscher Sprache mit ukrainischen Übertiteln gespielt. Viel Schlussapplaus und "Bravo"-Rufe.