
Mit Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt wurde 1983 einer der wichtigsten Texte des politischen Dokumentartheaters uraufgeführt. Auf Basis der Verhörprotokolle aus Jerusalem zeichnet Kipphardt Eichmanns Weg vom biederen Vertreter einer Öl-Firma zu dem Menschen nach, der die Deportation und den Mord an sechs Millionen jüdischen Menschen organisierte. Er zeigt Eichmann in seiner Monstrosität und Mittelmäßigkeit zugleich und wirft die Frage auf, ob ein jeder zum „Menschen Eichmann“ werden könne. Durch Szenen, in denen Kipphardt der „Eichmann-Haltung“ in seiner politischen Gegenwart nachspürte, polarisierte das Stück: Von einer Banalität des Bösen zur Banalisierung des Holocausts?
Aber sind heute endlich alle gut? In Geschwister Eichmann (UA) wirft der zeitgenössische Autor Lukas Hammerstein einen scharfen Blick auf uns alle, die wir das Böse hinter uns gelassen und es fleißig aufgearbeitet haben. Oder doch nur unter den Teppich gekehrt, abgespalten, verdrängt und vergessen? Sprachgewaltig seziert Hammerstein in seinem Gesellschaftsporträt, wie die Vergangenheit Teil unserer Gegenwart bleibt. Ein vielstimmiger Chor bürstet den „Schluss” gegen den Strich und bleibt dabei dem Bösen wie auch den Guten auf der Spur.
Intendantin Kathrin Mädler lädt in ihrer Inszenierung Bruder Eichmann und die Geschwister Eichmann zum immerwährenden deutschen Familienfest. Lebt Eichmann in uns fort?
Regie
Kathrin Mädler
Bühne und Kostüme
Mareike Delaquis Porschka
Musik
Cico Beck
Dramaturgie
Laura Mangels
MIT TORSTEN BAUER, NADJA BRUDER, OLIVER EL-FAYOUMY, ANKE FONFEREK, REGINA LEENDERS, ANNA POLKE, PHILIPP QUEST, CLARA SCHWINNING, KLAUS ZWICK