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FURIOSE AUSBRÜCHE -- SWR Symphonieorchester unter Jonathan Nott in der Liederhalle Stuttgart

am 16. Januar 2025

ALEXANDER WALTHER 17.01.2025
Kategorien: Kritiken, Deutschland, Oper

Wer die Sinfonie Nr. 4 "Symphonie Concertante" op. 60 mit Klavier und Orchester von Karol Szymanowski noch nie gehört hat, konnte eine Überraschung erleben. Dynamische Finessen stehen hier neben reizvollen Tremolo- und Flöteneinlagen, manche Passagen erinnern auch an die Tondichtungen von Alexander Skrjabin. Der fulminante Pianist Francesco Piemontesi unterstrich bei seinem fieberhaft-eruptiven Spiel jedenfalls die Nähe zu Richard Strauss, den französischen Expressionisten, Chopin, Janacek und sogar Mussorgski.

Dass Szymanowski auch ein radikaler Modernist war, machten viele Sequenzen und furiosen Ausbrüche im Orchester deutlich. Jonathan Nott unterstrich als umsichtiger Dirigent Sensibilität und Klangbewusstsein, auch die Welt Debussys schimmerte in geheimnisvoller Weise durch.  Die transzendente Kühnheit der Klanggeste zeigte sich in vielen Facetten und Nuancen, harte Dissonanzen und krasse Dynamik eingeschlossen. Sekunden, Septimen, Akkorde und Oktaven erreichten dabei immer wieder Siedegrade, die zu exzessivem Ausdruck führten. Elemente der polnischen Folklore und der orientalischen Musik setzten sich durch. Motive und Melodien in Quint- und Dreiklangparallelen blitzten versteckt und facettenreich auf. So entstand gleichsam eine Atomisierung der verschiedenartigsten Klangebenen, die manchmal die Auflösung der Tonalität erreichten.

Anklänge an dessen "Seejungfrau" und die "Lyrische Sinfonie" besaß Alexander Zemlinskys Sinfonietta op. 23, deren Sätze Ballade und Rondo besonders stark im Gedächtnis blieben.  Die gewaltigen kontrapunktischen Strukturen und Formelemente der Neuen Sachlichkeit uferten dabei geradezu aus. So kam es zu orchestralen Höhenflügen und erstaunlichen rhythmischen Beweglichkeiten, deren Intensität nicht nachließ.  

Zuletzt war noch die selten gespielte dritte Sinfonie in D-Dur op. 29, die sogenannte "Polnische", von Peter Tschaikowsky zu hören. Die raffinierte  Instrumentation kam in der geglückten Interpretation mit dem SWR Symphonieorchester unter der einfühlsamen Leitung von Jonathan Nott voll zur Geltung. Tschaikowsky verdankt hier Schumanns "Rheinischer Sinfonie"  nicht nur aufgrund der Fünfsätzigkeit wichtige Anregungen. Neben reizvollen Pizzicato- und Tremolo-Effekten bestach bei dieser Wiedergabe vor allem das knisternde Scherzo und die großartige Polonaise des Finales mit seiner grandiosen Fuge. Weite Melodiebögen wurden beim Andante betörend schön herausgearbeitet. Dem polyphonen und majestätisch betonten Kopfsatz folgte hier die Tanzweise "Alla tedesca" überaus stimmungsvoll.  So gab es zuletzt begeisterten Schlussapplaus.
 

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