Die Schlagkraft der thematischen Erfindung sprudelte nur so hervor, auch die Schärfe und Treffsicherheit der Charakteristik ließ nirgends zu wünschen übrig. Der Elan der Tanztypen erschien in einem hellen Licht voller Esprit. Federleichte französische Klassizität herrschte vor. Roth bediente als Dirigent sogar selbst das Schlagzeug und sorgte damit für den nötigen Schwung. Verzierungen wie Triller, Doppelschlag, Mordent, Vorschlag oder Arpeggio waren immer wieder herauszuhören.
Als Kompositionsauftrag von SWR und Milano Musica war anschließend das Konzert für Violoncello und Orchester der italienischen Komponistin Francesca Verunelli als Uraufführung zu hören. Nicolas Altstaedt (Violoncello) interpretierte die vielen Pizzicato-Passagen und nachgeahmten Harfenklänge mit viel Einfühlungsvermögen. Scharfe Blechbläsereinwürfe, chromatische Sequenzen und Glissando-Passagen sorgten für ein abwechslungsreiches und dynamisch spannungsvolles Klangbild. Das SWR Symphonieorchester unter der einfühlsamen Leitung von Francois-Xavier Roth ließ auch die suggestiven Tremolo-Passagen überaus feinnervig erklingen. Francesca Verunelli interessiert sich laut eigenen Worten vor allem für die musikalische Wahrnehmung, für die Erfahrung des Hörens. Sie möchte Klänge verwenden, um Zeit und nicht Zeit als Behälter von Klängen zu schreiben. Das konnte man auch bei diesem komplexen Werk deutlich spüren. Flirrende Flageolett-Sequenzen in rasender Geschwindigkeit belebten das Klanggeschehen in subtiler Weise.
Anschließend spielte Nicolas Altstaedt noch eine Pièce des Barockkomponisten Jean-Baptiste Barriere. Und zuletzt folgte eine ausgesprochen transparente Wiedergabe der "Harmoniemesse" in B-Dur HOB. XXII:14 von Joseph Haydn. Es handelt sich hier um die letzte vollendete Komposition von Joseph Haydn, die im Jahre 1802 entstand. Die Entstehung dieser Messe stand im Zeichen von Haydns fortgeschrittenem Alter und häufigen Krankheiten. Die Reife und Abgeklärtheit dieser Komposition kam bei der Wiedergabe deutlich zum Vorschein. Siobhan Stagg (Sopran), Olivia Vermeulen (Mezzosopran), Thomas Blondelle (Tenor) und Matthew Rose (Bass) sorgten als Gesangssolisten zusammen mit dem SWR Symphonieorchester unter Roth für ein fulminantes Klanggerüst. Der Erfindungsgeist der thematischen Arbeit strahlte insbesondere beim Gloria und Credo facettenreich hervor. Aber auch die weiteren Teile Sanctus, Benedictus und Agnus Dei zeigten inneren Zusammenhalt und ein überaus voluminöses Klangbild, das der MDR-Rundfunkchor in vielfältiger Weise unterstrich. Vor allem die Keimzellenentwicklung der einzelnen Motive konnte man als Hörer so sehr gut nachvollziehen. Es bestand zuweilen sogar eine gewisse Nähe zu Ludwig van Beethovens "Missa solemnis", was sich vor allem bei der Fugenentwicklung zeigte. Glutvolle Visionen und überwältigende Tonsymbole fügten sich nahtlos ins Klanggeschehen ein. Die erhebende Gewissheit des Schlusses ließ nichts zu wünschen übrig. So entstand ein wahrhaft persönliches Glaubensbekenntnis, das beim Publikum einen tiefen Eindruck hinterließ.

