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DIE BLONDE SITZT AUF DEM STIER -- Premiere "15 Minutes of Fame" von Emma Scharff und Armin Behrem im Schauspiel Nord STUTTGART

am 19.6.2026

Geschrieben von ALEXANDER WALTHER

Assoziationen zur griechischen Sage von Europa auf dem Stier tun sich hier auf. Persönliche Erinnerungen vermischen sich plötzlich mit phantastischen Geschehnissen. Szenisch hat das Stück kaum Schwächen, auch wenn die Handlung manchmal konstruiert erscheint. Erinnert wird vor allem an die literarische Figur "Peer Gynt" von Henrik Ibsen, die hier eine blonde Frau ist, die von einem Ritt auf dem Stier träumt.

© Björn Klein

Die Phantasma des Ichs vermischen sich zur Inszenierung eines spektakulären Biopics mit intensiven Video-Nahaufnahmen. Henrik Ibsen hat einen Antihelden entworfen. Emma Scharff, die auch Regie führt, und ihr Mitautor Armin Behrem schaffen eine spannende Projektionsfläche für den modernen Geltungsdrang und den selbstsüchtigen Menschen unserer Zeit. Peer Gynt ist so ein großer weiblicher Star bei Film und Fernsehen, der alle fasziniert und nach dem sich alle sehnen. Die einfühlsamen und originellen Darstellerinnen Stella Butz, Nele Holzmann, Lina Agnes Nordhausen und Alina Thiemann spalten sich dabei auf, sind aber eigentlich irgendwie immer die gleiche Figur. Bei dieser Überschreibung des Klassikers ist Peer Gynt eine sehr stark auf sich selbst bezogene Frau, deren Traum vom Erfolg mit dem einzigen Wort "Ich" beginnt. Sie entwirft auf der weiträumigen Bühne von Lina Determann und Jette Schwabe ihr glamouröses Leben als fantastisches Projekt. In dieser Show ihres eigenen Lebens darf keine andere als Peer die Hauptrolle spielen! Peer steigt jetzt als absolute Pop-Ikone auf, wird gefeiert und von ihren Fans auf Händen getragen: "Einen riesigen Applaus für Peer Gynt!" 

Sie verwandelt die Menschen um sich herum aber auch in verwertbares Material und austauschbare Figuren, was manchmal sogar beängstigend ist. Henrik Ibsens dramatisches Gedicht über einen norwegischen Bauernsohn aus dem Jahre 1867 verwandelt sich in ein endloses modernes Abenteuer und Märchen, in dem ein glamouröses "Girl" plötzlich die Hauptrolle spielt und den Zuschauern regelrecht den Kopf verdreht. Die junge Regisseurin Emma Scharff sucht bei ihrer Arbeit ganz bewusst nach Bezügen zu unserer heutigen Zeit und deren Mechanismen. Spektakel, Voyeurismus und gnadenloses Entertainment gehen nahtlos ineinander über. Ibsen wollte seinen norwegischen Landsleuten mit "Peer Gynt" einen Spiegel vorhalten. Und dies tut auch Emma Scharff in ihrer Inszenierung und ihrem hintersinnigen Text. Selbst die Parallelen zu Goethes Werk blitzen  manchmal auf. Glorifizierende Kraft, weibliche Reinheit und Treue ergänzen sich gegenseitig. Auch wenn Peer Gynt zu einer Femme fatale wird, die sich rühmt, mit tausend Männern geschlafen zu haben, verliert sie diese seltsame Reinheit nicht. Und auch die mondäne Welt einer Marilyn Monroe blitzt durch. 

Das Spiel mit der Lüge und der Wirklichkeit ist ein wichtiges Thema in Henrik Ibsens Stück - und es spielt auch bei Emma Scharff eine bedeutende Rolle, obwohl es hier stark abgewandelt wird. Peer Gynt ist dabei eine Ikone, die schon als Kind entdeckt wurde, was die Video-Szenen von Nils Eberwein am Schluss zeigen. Der unerschütterliche Glaube an Peer Gynt scheint auch hier nicht gebrochen zu werden. Sie ist wahlweise Hollywood-, Pop- oder Porno-Star. Dann klingelt sogar das Telefon mit einer Melodie aus Edvard Griegs "Peer Gynt"-Suite. Die Peer-Show wird zur Show ihres Lebens! 

Doppelgängerinnen und Versionen ihrer selbst verwirren den Zuschauer. Möglichkeiten, wer sie war oder sein könnte, warten auf ihren Auftritt. Der reibungslose Ablauf bekommt Risse, Ibsens Satz "Peer, du lügst!" gewinnt an Bedeutung. Peer Gynt lächelt wie ein Honigkuchenpferd, setzt sich auf den Stier, wartet sehnsüchtig und vergeblich auf den Anruf ihrer Mutter: "Mir hat niemand Bescheid gesagt." Gleichzeitig lehnt sie die Telefonanrufe ab. Schon zuvor hat sie den Stier per Video und vor dem Vorhang beschworen: "Ja, wie kam das alles?...Huch, ein Knall! Der Bulle schreit!...Ich bin jemand geworden."  Der Stier scheint sich auf dem elektrischen Gerät endlos zu drehen. Und die suggestive Musik von Jel Woschni passt sich dem Geschehen minuziös an. 

Mit dieser Arbeit schließt Emma Scharff ihr Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg ab. Beim Publikum kam die Premiere sehr gut an: Jubel, tosender Schlussapplaus!   

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