Schon kreuzte eine neue Gestalt den Weg des Eroberers. Vielsagend kündigte sie sich an - dann verströmte rauschhaft ihre Zärtlichkeit. Breit und klangsatt sang die Oboenmelodie sich aus - und wieder stürmte der Sieggewohnte weiter. Das Hornthema entpuppte sich als machtvolles Tonsymbol der Lenau-Verse. Dementsprechend überschlugen sich nun auch die Themen Don Juans, schraubten sich mit dem Hornfanal in hymnischen Rausch hoch und stürzten von dem Gipfel dieses orgiastischen Kraftausbruchs, wie vom Blitz der Selbstvernichtung jäh getroffen, ins Leere. Großartig wirkte bei dieser bewegenden Wiedergabe der fahle, verinnerlichte Schluss der Tragödie: Knapp und bestimmt entfaltete sich ihr Klang. Die sich selbst zerstörende Elementarkraft meldete sich zurück. Die kühn dahinstürmenden Themen des männlichen Eroberers wurde den lyrisch gestalteten Melodiegruppen der einzelnen Frauengestalten in reizvoller Weise gegenübergestellt. Die zarte Oboenmelodie beschrieb dabei den Ausdruck idealer Weiblichkeit.
Impressionistische und neoklassizistische Züge beherrschen das Flötenkonzert (1932/1933) von Jacques Ibert, wo die argentinisch-britische Flötistin Ana de la Vega beim Solopart brillerte. Witz, Ironie, spielerische Leichtigkeit, Transparenz des Klanges und Empfindungsreichtum beherrschten hier die rasant musizierten Skalengänge, die feine chromatische Verästelungen offenbarten. Der Scherzando-Charakter wurde auch von der Jenaer Philharmonie unter Simon Gaudenz ausgezeichnet betont. Kammermusikalisch feingliedrig entwickelten sich die Themen des ungemein schwierig zu spielenden Konzerts, das auch mit Flatterzungen-Effekten aufwartet. Elegisch und zart gestaltete Ana de la Vega dann den zweiten Satz mit seinen leidenschaftlichen melodischen Einschüben. Nach einem sanften Verklingen kam es zu einem intensiven Duett von Solo-Geige und Flöte. Das Finale mit seinen Jazz-Akkorden riss das Publikum als beschwingt-tänzerischer Satz ganz unmittelbar mit. Eine kadenzartige und kurze Arabeske der Flöte unterstrich dabei reizvoll den virtuosen Charakter dieses Satzes. Der klangfarbenreiche Mittelteil besaß hier geradezu magischen Zauber, der nicht nachließ.
Zum Abschluss erklang dann die Sinfonie Nr. 1 in f-Moll op. 10 von Dmitri Schostakowitsch, die er als Abschlussarbeit am St. Petersburger Konservatorium vorlegte. Die technische Perfektion der Instrumentation ist dabei erstaunlich, was die Jenaer Philharmonie unter Simon Gaudenz in hervorragender Weise unterstrich. Bruno Walter dirigierte das Werk einst in Wien, Arturo Toscanini in den USA. Die Allegretto-Einleitung des ersten Satzes ließ das gesamte Themenmaterial dieser Sinfonie keimhaft anklingen, was Simon Gaudenz mit dem Orchester präzis unterstrich. Etwas Unruhiges, Bizarres, bisweilen sogar Ironisch-Marionettenhaftes lag hier über dieser geheimnisvollen Einleitung. Das Allegro non troppo antwortete mit einem straffen Marsch! Schostakowitschs Neigung, eine Episode zum Bild auszuweiten, war bei diesem Konzert hier deutlich erkennbar. In diesem Marsch trat das erste Thema herrisch hervor. Das zweite Thema erschien dann als zarter Walzer. Die Durchführung verarbeitete die beiden innerlich verwandten Hauptthemen in kunstvoller Weise miteinander. Bei der Reprise trat die originale Walzermelodie wieder eindringlich hervor. Der zweite Allegro-Satz bestach als schwungvolles Scherzo. Witz und Ironie behauptete sich im Stil eines originellen Gassenhauers. Ein gemessenes Flötenthema trat als markantes Gegenthema hervor. Nach der Interpretation des Schostakowitsch-Biographen Martinow lässt es das ruhige Dahinströmen eines Steppenflusses erkennen. Und auch der breite lyrische Strom des dritten Lento-Satzes, der sich aus dem sinnenden Thema der Oboe entfaltet, konnte sich bei dieser Wiedergabe eindrucksvoll behaupten. Im Largo-Mittelteil fand die Oboe eine neue Melodie voll verhaltener Trauer. Die Trompete mahnte forsch an das zweite Thema. Das Klarinettenthema des Allegro-molto-Satzes besaß temperamentvollen Schwung, der nicht nachließ. Gefühlvoll kehrte es in der Solovioline wieder, bevor es den energisch drängenden Flöten Platz machte, die das Klarinettenthema übernahmen. Plötzlich folgten harte Paukenschläge, die verhallten - und die Largo-Welt des vorherigen Satzes umgab das hymnische Thema. Immer mehr Energien ballten sich für den letzten Sturm der Leidenschaft zusammen.
Dem begeisterten Schlussbeifall des Publikums folgte noch Schostakowitschs reizvoll instrumentierte Komposition "Tea for Two".


